PROLOG
Mai 1932
Meret Oppenheim hatte die Tageszeitung in kleinste Stücke gerissen und ließ nun vom Zug aus Konfetti auf den Bahnsteig hinunterregnen. Abschiede wie diesen musste man schließlich gebührend feiern.
Großhüssi, wie sie ihre Großmutter liebevoll nannte, klatschte begeistert in die Hände und versuchte, ein paar Schritte neben dem Waggon herzulaufen, blieb dann aber keuchend stehen und hob ihr weißes Stofftaschentuch.
»Adieu, Itscheli! Jetzt ist es Zeit, deinem großen Traum entgegenzugehen! Und denk dran: Aus Stolpersteinen können Kunstwerke werden!«, rief sie.
Meret winkte bis das Taschentuch und die Großmutter zu einem winzigen Punkt verschwammen. Bald darauf verschwand auch der Bahnsteig und wenig später der gesamte Bahnhof von Basel in der Ferne. Der Zug glitt den Rhein entlang.
Seufzend ließ Meret sich auf ihren Sitzplatz gegenüber von ihrer Freundin Irène nieder. Eine milchige Morgensonne schien durch das Fenster. Der Samt des Bezugs war warm und abgewetzt, die Federn ausgeleiert. Meret hüpfte ein wenig auf dem Sitz herum.
»Wir sitzen tatsächlich im Zug nach Paris! Ich dachte schon, dieser Tag würde niemals kommen«, seufzte sie glücklich.
»Ehrlich gesagt, hätte ich darauf gewettet, dass dein Vater uns in letzter Sekunde noch einen Strich durch die Rechnung macht«, entgegnete Irène.
»Mademoiselle Zurkinden!«, rief Meret mit gespielter Entrüstung. »Ich wäre mit dir nach Paris gekommen, selbst wenn du mich in einer Kiste hättest schmuggeln müssen!«
Irène grinste und griff sich mit der Hand an die Stirn.
»Ach, Irène, tu nicht so erstaunt. Du kennst mich doch nun schon lange genug, um zu wissen, dass ich einen Sinn fürs Abenteuer habe!«
»Und eine rege Fantasie noch dazu«, erwiderte ihre Freundin und knuffte sie in den Bauch. »Damit gehörst du auf jeden Fall nach Paris. Dort wirst du bestimmt auf mehr Verständnis stoßen als in deinem Kuhdorf.«
»Kleinstadt, wenn ich bitten darf«, verteidigte Meret ihre Heimatstadt Steinen im südlichsten Zipfel Deutschlands, nur wenige Kilometer vor der Schweizer Grenze. Sie mochte ihr Zuhause, aber in letzter Zeit hatte sie zunehmend das Gefühl gehabt, als würden der alltägliche Trott und das biedere, konservative Umfeld ihre Inspiration schon im Keim ersticken.
Sie seufzte laut. »In Steinen haben sie mich bereits in der Grundschule seltsam gefunden.«
»Na ja, ich würde mich auch wundern, wenn ich ein Kind dazu aufgefordert hätte, seine Eltern zu zeichnen, und stattdessen zwei hingekritzelte Frösche bekäme«, erwiderte Irène.
»Also ich würde das Kind für seinen Freigeist loben«, sagte Meret entschlossen und zog ihren Sommermantel aus.
Sie lehnte sich in ihrem Sitz nach vorne, hauchte die Scheibe an und malte ein großes K auf das matte Glas. K wie Künstlerin. Schon in der Schule hatte sie statt mathematischen Gleichungen lieber einen Hasen = X gesetzt.
Seit ihrem Schulabschluss vor einem Jahr hatte Meret in Basel versucht, als Kunststudentin und Künstlerin zu leben – aber auch hier fand sie keinen Raum zur Entfaltung. Ihre Zeichnungen waren vielen zu absurd, ihre Skulpturen zu abgehoben. Paris aber war anders. Es war die Stadt der Kunst. Die Stadt der Liebe. Eine Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Und mit jedem Meter, den der Zug zurücklegte, kam sie der französischen Hauptstadt näher.
Irène kickte ihre Pumps von den Füßen, stieg auf die Sitzbank, um ihre Cordreisetasche herunterzuholen, und kramte darin.
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