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Dienstagmorgen, vorletzte Juniwoche
»Einen ungünstigeren Zeitpunkt zum Sterben hätte sie sich wirklich nicht aussuchen können«, stellt Frau Zeiler fest.
Das kann sie nicht wirklich gesagt haben! Ich ziehe den Rollhocker zu mir her, setze mich und werfe ihr einen kurzen Blick zu. Von hier unten sieht ihre Nase ebenso spitz aus wie das Zackenmuster auf ihrem altmodischen Kleid. Offenbar hat sie es tatsächlich gesagt und erwartet nun, dass ich ihr zustimme.
Das werde ich bestimmt nicht tun. Mein Ausbilder in München hat mir beigebracht, dass der Kunde alles bekommt, vor allem recht. Doch fünf Jahre später und über zweihundert Kilometer entfernt beschließe ich, dass man von dieser Regel gelegentlich abweichen muss.
Frau Zeiler bestellt einen Kranz im Namen des Kunstvereins. Ich schlage das Auftragsbuch auf und schreibe: »Kunstverein, Kranz Chrysanthemen, ca. hundert Euro«. Dahinter setze ich »Marie« in Klammern. So weiß meine Chefin, wer den Auftrag entgegengenommen hat.
»Was sollen wir auf die Schleife drucken?« Ich muss mich anstrengen, um die Frage höflich klingen zu lassen.
»In stillem Gedenken, Kunstverein Untergickelbach«, sagt Frau Zeiler. Dass sie sich nicht für »In großer Dankbarkeit« entscheidet, sagt viel über sie aus.
Am vergangenen Samstag ist Doktor Gesa Wagener gestorben. Sie war so etwas wie die Grande Dame des Ortes. Deswegen kommen die Untergickelbacher auch seit gestern und bestellen Sachen für die Beerdigung am Freitag. Die »Gärtnerei Kohlmann« ist zwar die einzige Gärtnerei am Ort, trotzdem ist es unglaublich, wie viele Kränze, Gestecke und Schalen die Leute allein heute Morgen geordert haben. Vor allem aber tratschen unsere Kunden. Und wie! Jedes Detail, das über die Begräbnisfeier durchdringt, wird intensiv diskutiert. Dabei finde ich die Abschiedsriten, die sich Frau Wageners Tochter ausgedacht hat, bisher nicht so ungewöhnlich. Aber sie passen eben nicht in das Bild von einer »anständigen« Trauerfeier, das man in Untergickelbach hat. Schon gar nicht, wenn die Apothekerin, Vorsitzende des Kunstvereins und Stifterin des Skulpturengartens zu Grabe getragen wird. Es gibt einen weiteren Grund, warum der Tratsch bisweilen sogar böse ausfällt: Die in Köln lebende Tochter hat alle Aufträge, die mit der Beerdigung in Zusammenhang stehen, nach Bamberg vergeben. Das Beerdigungsunternehmen stammt aus Bamberg, den Kuchen für den Leichenschmaus liefert eine Bamberger Bäckerei, der Grabstein kommt aus Bamberg, sogar den Pfarrer holt sie aus der Stadt.
Die Tür streift die Glöckchen an der Decke, und die nächste Kundin betritt die Gärtnerei und begrüßt uns. Sie hat eine leere Blumenschale dabei.
»Guten Tag, Frau Mellrich«, sage ich. »Lassen Sie die Tür ruhig offen. Es wird schon wieder so heiß!«
»Grüß Gott!«, sagt Frau Zeiler. »Grüß dich, Margot.«
»Grüß Gott, Erika«, erwidert Frau Mellrich.