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Köln, Frühjahr 2022
Iris lehnte sich an die Spiegelwand des Aufzugs und drückte auf die Sieben. Erst als sich die Tür automatisch schloss, erlaubte sie sich aufzustöhnen.
Rose hatte eben angerufen, um ihr eine traurige Nachricht mitzuteilen: Großvater Max war in der Nacht gestorben. Mit sechsundachtzig Jahren friedlich im eigenen Bett für immer eingeschlafen. Damit war er seiner geliebten Frau Margarete gefolgt, die im Frühjahr 2020 vorausgegangen war. Auch das war ein trauriger Tag gewesen, weil die Familie ein wichtiges Mitglied verloren hatte. Doch mit Max König, dem prämierten Konditormeister und Gründer der Pension König am Bodensee, endete eine Ära, die 1956 begonnen hatte. In jenem Jahr war er aus Wien zurückgekehrt, wo er seine Konditorkünste im berühmten Hotel Sacher verfeinert hatte. Wenige Monate nach seiner Heimkehr heiratete er Margarete, deren Mitgift dieses Haus am See war, in dem damals nur einfache Zimmer mit Waschgelegenheit vermietet wurden. Ein schlichtes Emailleschild mit der AufschriftFremdenzimmer zu vermieten prangte neben dem Haupteingang und hing bis heute als liebe Erinnerung an der Wand in Roses Büro hinter der Rezeption. In den 1950ern beherbergte man die Fremden praktisch noch unter seinem eigenen Dach, und manche wurden zu Stammgästen. Doch es waren vor allem Großvaters köstliche Backwaren, Torten und Kuchenstücke aus der eigenen Konditorei, die bald die Kasse kräftig hatten klingeln lassen, wie er voller Stolz zu sagen pflegte. Nach und nach wurden die Zimmer renoviert, der Pensionsbetrieb um den Wintergarten und ein Terrassencafé vergrößert, das sich schon bald großer Beliebtheit erfreute. Bis ins hohe Alter hatte Max König am täglichen Geschehen teilgenommen, und sein Interesse für den Betrieb war nie erloschen.
Der Lift hielt mit sanftem Ruck in der siebten Etage, die automatische Tür öffnete sich, und Iris eilte in ihr privates Reich. Die Schwiegereltern hatten vor drei Jahren als Hochzeitsgeschenk den noch leer stehenden Teil des Dachgeschosses ausbauen lassen. Sie und Christian lebten seitdem in dieser letzten Etage des privat geführten Hotels im Belgischen Viertel. Neben der Lobby und dem Restaurant im Erdgeschoss verfügte das Haus über 65 Gästezimmer, die auf fünf Etagen verteilt waren.
Aus der breiten Fensterfront des Lofts hatte man einen fantastischen Ausblick über die Dächer der Kölner Innenstadt und nachts auf die erleuchteten Fenster der gegenüberliegenden Häuser. Aber Iris war nicht in der Stimmung, die Nachbarn zu beobachten oder das einzigartige Panorama zu genießen, das auch an einem regnerischen Aprilmorgen wie heute beeindruckend war. Nicht einmal die zahlreichen Kissen auf dem weichen Sofa lockten sie, sich wie gewöhnlich hineinfallen zu lassen und die Beine nach dem anstrengenden Stehen hochzulegen.
Sie benötigte dringend ein Taschentuch, um ihre Tränen zu trocknen, und griff nach der Box auf dem Couchtisch aus hellem Birkenholz. Die Schachtel war leer. Gedankenlos wischte sie sich die Nase mit dem Ärmel ihrer weißen Baumwollbluse ab, und zu spät wurde ihr bewusst, dass es die Uniformbluse war, die sie während der Arbeit trug. Sich die Nase wie ein Kleinkind am Blusenärmel abzuwischen passte zum heutigen Tag. Einer von der Sorte, den man nicht einmal seinen ärgsten Feinden wünschen würde.
Morgens um sechs, vor Beginn ihrer Frühschicht, hatte sie sich mit Christian über das ewig gleiche Thema gestritten. Er wollte einfach nicht verstehen, dass sein männliches Ego durch eine Fruchtbarkeitsuntersuchung keinen Kratzer bekommen würde. Sosehr sie ihn auch d