: Viola Ardone
: Ein Zug voller Hoffnung Roman − Der preisgekrönte Bestseller aus Italien
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641255237
: 1
: CHF 13.50
:
: Erzählende Literatur
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Warmherzig und unvergesslich: Wie ein Junge aus armen Verhältnissen das Glück in der Musik findet – der Überraschungsbestseller aus Italien!

Neapel, 1946: Der 7-jährige Amerigo lebt mit seiner Mutter in einem der ärmsten Viertel und hat ständig Hunger. Als die Mutter von einer wohltätigen Initiative hört, die bedürftige Kinder für ein knappes Jahr zu Familien im reicheren Norditalien schickt, scheint dies die beste Lösung zu sein. Hoffnungsfroh, aber auch etwas bange besteigt Amerigo mit vielen Kindern den Zug. In seiner neuen Familie lebt er sich schnell ein, entdeckt seine Liebe zur klassischen Musik, bekommt sogar eine Geige geschenkt. Nachdem die paradiesische Zeit vorbei ist, erscheint ihm seine Mutter in Neapel ganz fremd. Als er kurz darauf erfährt, dass sie aus Geldnot heimlich seine Geige verkauft hat, fühlt Amerigo sich verraten. Er reißt aus und steigt noch einmal in den Zug, fest entschlossen, Neapel für immer hinter sich zu lassen ...

»Der kleine Amerigo erobert von der ersten Seite an die Herzen seiner Leserinnen und Leser.«La Stampa

Viola Ardone, 1974 in Neapel geboren, ist ausgebildete Bibliothekarin und studierte Italienische Literatur. Sie arbeitet als Journalistin (u.a. für La Repubblica und Corriere della Sera) und ist Lehrerin für Geschichte, Italienisch und Latein. Sie hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht. Ihr Roman »Ein Zug voller Hoffnung« brachte ihr den internationalen Durchbruch: Der Roman war in Italien ein preisgekrönter Bestseller und erscheint in 30 Ländern.

2

Über Maddalena haben wir danach nicht mehr gesprochen. Ich dachte, dass meine Mama sie vielleicht vergessen oder es sich anders überlegt hat. Aber dann klopft ein paar Tage später eine Nonne an unsere Haustür, sie kommt von Pater Gennaro. Meine Mama späht durch das Fenster nach draußen: »Was will denn die Gardinenstange hier?«

Die Nonne klopft noch mal. Meine Mama legt das Nähzeug weg und macht die Tür auf, aber nur einen kleinen Spalt, sodass die draußen ihr Gesicht hereinstrecken kann. Es ist ganz gelb. Die Gardinenstange fragt, ob sie reinkommen darf, und meine Mama nickt, aber so richtig toll findet sie das nicht, das merkt man sofort. Die Nonne sagt, meine Mama ist ein guter Christenmensch und Gott sieht alles und jeden und dass die Kinder weder Vater noch Mutter gehören, weil sie alle Kinder Gottes sind. Diese Kommunistenfrauen wollen, dass wir mit dem Zug nach Russland fahren, wo sie uns Hände und Füße abschneiden, und wir kommen nie mehr zurück. Meine Mama antwortet nicht. Schweigen kann sie richtig gut. Und dann hat die Gardinenstange irgendwann die Nase voll und geht. Ich frage: »Willst du mich wirklich nach Russland schicken?« Sie nimmt wieder das Nähzeug und brummelt vor sich hin: »Russland, von wegen Russland … Was weiß ich schon von Faschisten und Kommunisten. Und von Priestern und Bischöfen weiß ich auch nichts.« Meine Mama redet mit anderen nicht so viel, mit sich selbst schon mehr. »Das Einzige, was ich kenne, sind Hunger und Arbeit … Die wollte ich mal sehen, die Gardinenstange, mit einem Sohn und ohne Mann … die hat leicht reden, so ohne Kinder. Wo war sie denn, als mein Luigino krank wurde?«

Luigi war mein großer Bruder, und wenn er sich nicht als Kind diese blöde Bronchitis geholt hätte, wäre er jetzt drei Jahre älter als ich. Aber so war ich schon bei meiner Geburt Einzelkind. Meine Mama redet fast nie von ihm, aber auf der Kommode steht sein Bild mit einem Totenlicht davor. Die Zandragliona hat mir das alles erzählt, die wohnt im Basso gegenüber und ist eine gute Frau. Meiner Mama ging es so schlecht, dass alle dachten, sie erholt sich nie mehr. Aber dann kam ich und sie war wieder froh. Wenn auch nicht so froh wie mit ihm. Sonst würde sie mich ja nicht nach Russland schicken.

Ich gehe rüber zur Zandragliona, die weiß immer alles, und was sie nicht weiß, erzählen ihr die anderen. Sie sagt, dass wir nicht nach Russland gebracht werden und dass sie Maddalena Criscuolo und die Übrigen kennt: Die wollen uns helfen und uns Hoffnung geben. Was soll ich denn mit Hoffnung? Hoffnung heiße ich doch selbst schon, nämlich mit Nachnamen wie meine Mama Antonietta. Und mit Vornamen Amerigo. Den habe ich von meinem Vater. Ich habe ihn nie kennengelernt, und wenn ich nach ihm frage, verdreht meine Mama immer die Augen zum Himmel, wie wenn es zu regnen anfängt und sie die Wäsche noch nicht reingeholt hat. Sie sagt, er ist ein ganz großartiger Mann. Er ist nach Amerika gegangen, um dort sein Glück zu machen. Und wann kommt er wieder?, habe ich gefragt. Früher oder später, hat sie geantwortet. Er hat mir nichts dagelassen, außer dem Namen. Besser als nichts.

Seit wir das von den Zügen wissen, ist in der Gasse der Teufel los. Jeder sagt was anderes: dass sie uns verkaufen und nach Amerika zum Arbeiten schicken; oder dass wir nach Russland kommen und dort im Ofen verbrannt werden; oder dass nur die bösen Kinder fahren und die lieben bei ihren Mamas bleiben dürfen. Andere scheren sich um nichts und machen einfach weiter wie immer, weil sie gar nichts kapieren. Ich kapiere auch nichts, obwohl sie mich im Viertel den »Nobelpreis« nennen, weil ich so viel weiß, auch wenn ich nicht mehr in die Schule gehe. Das lerne ich alles auf der Straße. Ich gehe herum, höre den Leuten zu und mische mich überall ein. Klug geboren wird keiner.

Meine Mama Antonietta will nicht, dass ich Sachen von ihr herumerzähle.