Kapitel 1
Ein völlig anderes Jahresende
»Das ist das erste Silvester seit sieben Jahren, an dem es keinen gemeinsamen Nachmittagsspaziergang auf der Fraueninsel gibt«, tönte meine beste Freundin Anna über die Boxen der Freisprechanlage des altersschwachen Leihwagens, in dem ich eine kleine Straße mit atemberaubendem Blick auf den Atlantik entlangfuhr. Erstaunlich, wie gut die Verbindung war, trotz der knapp fünftausend Kilometer Luftlinie zwischen dem Chiemgau in Oberbayern und den Kapverdischen Inseln westlich von Afrika, wo ich meinen Urlaub verbrachte.
»Und auch keinen Eierlikörpunsch von deiner Mama«, fügte ich hinzu und merkte, dass ich diese inzwischen sehr liebgewonnenen Rituale am Ende eines Jahres vermisste, und noch mehr Anna und ihre wunderbare und ein wenig chaotische Patchworkfamilie.
»Das holen wir nach, sobald du wieder zurück bist, Zoe«, versprach Anna.
»Unbedingt! Ist Ilona noch immer in der Toskana?«, erkundigte ich mich. »Ich hab schon ein paar Tage nichts mehr von ihr gehört.« Ilona war eine gemeinsame Freundin, wobei die Inhaberin eines kleinen, aber feinen Delikatessenladens in Prien am Chiemsee und ich uns erst im letzten Sommer näher angefreundet hatten. Wir kannten uns zwar schon viel länger, aber vorher gab es da –nun ja, umschreiben wir es freundlich – einige Unstimmigkeiten zwischen uns, die jedoch inzwischen Schnee von gestern waren.
»Ja, ist sie. Aber sie kommt gleich nach Neujahr wieder zurück … Bist du noch auf der Insel Boa Vista? Die Fotos, die du geschickt hast, sind ja atemberaubend.«
»Es ist wirklich paradiesisch dort. Inzwischen bin ich aber wieder auf Santiago.« Das war die vierte von mehreren Inseln des Archipels, die ich in den vergangenen zehn Tagen bereist hatte.
»Was hast du denn an deinem letzten Tag vor?«, wollte Anna wissen.
»Ich hoffe, dass es nur mein letzter Urlaubstag ist und nicht mein letzter Tag auf Erden«, sagte ich trocken.
»Ich meine natürlich den letzten Tag in diesem Jahr«, korrigierte Anna lachend.
»Wie beruhigend! Ich dachte schon, du willst deine Chefin loswerden«, feixte ich.
»Damit ich mir einen neuen Job suchen muss? Sicher nicht!«, beteuerte meine fünfzigjährige Freundin, die als medizinische Fachangestellte in meiner Zahnarztpraxis arbeitete und mehr als nur meine rechte Hand war.
»Also, was machst du heute?«
»Ich hab tatsächlich ein ziemlich volles Programm«, begann ich. »Gleich in der Früh war ich schon auf der Festung von São Filipe, und anschließend gab’s gegrillten Fisch in einem Restaurant am Strand.«
»Du lässt es dir ja echt gut gehen!«
»Und wie! Jetzt bin ich auf dem Weg in