1996
Nanas Lippen schmeckten nach Salz, und ihre Füße in den pinkfarbenen Flip-Flops waren sandig. Zwischen dem kleinen und dem vierten Zeh hatte sich besonders viel Sand angesammelt. Die winzigen Körner funkelten in der Sonne, als seien sie kostbar. Nanas Hände spielten mit den kleinen bunten Perlen, die an den Enden der Fransen ihres neuen Shirts hingen. Das hatte ihr Papa für sie am Tag zuvor auf einem Markt gekauft. Nana wusste schon jetzt, dass es sehr lange ihr Lieblingshirt bleiben würde.
Sie schaute auf das Meer, das ihr türkis entgegenleuchtete. Ihr metallener Stuhl wackelte, und die Armlehnen waren von der Sonne ganz schön heiß geworden. Der Kellner kam, nannte sie Señorita, das klang lila, schön und irgendwie wichtig. Sie bestellte eine Fanta. Papa wählte einen Espresso und Mama einen Eiskaffee. Sie freute sich darauf, gleich am Strand Muscheln sammeln zu gehen. Ihre Mutter hatte versprochen, mitzumachen, und sie fand immer die schönsten Muscheln. Zuhause wollte Nana damit einen Holzkasten bekleben und ihn Mama als Überraschung zum Geburtstag schenken.
Als der Kellner die Fanta auf den Tisch stellte, winkte ihr Papa hektisch mit dem Zeigefinger. „No, no! Fanta sin hielo“, stammelte er. Der Kellner nickte und nahm das Glas wieder mit. „Bestell dir niemals ein Getränk mit Eiswürfeln im Ausland, Nana. Die sind aus Leitungswasser gemacht und voller Chlor und Bakterien. Davon kriegst du Bauchschmerzen. Oder Durchfall. Oder Schlimmeres! Und dann musst du den Rest des Urlaubes auf dem Hotelzimmer verbringen.“ Er nickte dabei immer wieder, wichtige Worte unterstreichend.
Mama lachte nur und sagte: „Entspann dich, Christoph.“
Das sagte sie häufig zu ihm: „Entspann dich.“
Natürlich war Nana aus dieser Geschichte herausgewachsen und konnte selbst entscheiden, ob sie den Eiswürfeln vertrauen wollte. Und obwohl ihre Mutter damals über die Vorsicht ihres Vaters gelächelt hatte, gehörte diese Lektion zu jenen Episoden aus der Kindheit, von denen ein Rest auf immer in ihr verbleiben würde. Dieses Überbleibsel, so stellte sich Nana vor, hauste zusammen mit einigen weiteren in ihrem Bauch, wahrscheinlich in der Leber. Sie trugen allesamt lustige Mützen mit kleinen Glöckchen an den Enden, die ordentlich Krach machten und sich diebisch freuten, wenn sie gehört wurden. Nana war sich sicher, dass jeder Erwachsene solch kleinen, schelmischen Überbleibsel in sich trug und sie zu jener Person machten, die sie nun einmal waren.
„Danke“, sagte Nana und stellte das Glas auf dem Wohnzimmertisch ab, ohne einen Schluck davon zu nehmen. „Mir gefällt die Wohnung, und ich könnte mir sehr gut vorstellen, hier einzuziehen. Ich habe meine Schufa-Auskunft und meine letzten drei Gehaltsabrechnungen mitgebracht.“ Nana reichte i