Entzwei
Ich war zu dem Schluss gekommen, dass es Ms. Conns einzige Freude im Leben war, mich ins Sekretariat zu schicken. Das machte mich zwar in gewisser Weise verantwortlich für ihr Glück, doch gerade versuchte ich trotzdem, mich unbemerkt ins Klassenzimmer zu schleichen. Ich war auch nur eine Minute zu spät und hatte einen wirklich guten Grund.
Leider deutete Ms. Conn bereits in Richtung des Sekretariats, bevor ich mich auf meinen Stuhl fallen lassen konnte.
Als ich mit meiner Verspätungsbescheinigung in der Hand zurückkam, wandte sich Ms. Conn sofort an meinen Gebärdensprachdolmetscher, Mr. Charles: »Sagen Sie Iris, sie soll sich neben Nina setzen. Nina kann ihr erklären, was sie verpasst hat.«
Ms. Conn sprach immer so an mir vorbei. Mr. Charles hatte sie schon oft gebeten, sie solle doch einfach mitmir reden. Dann würde er übersetzen, und sie bräuchte ihre Sätze nicht umständlich mitSagen Sie Iris … zu beginnen. Doch irgendwann hatte er es aufgegeben. Sie würde es sowieso nie verstehen.
Ich rümpfte die Nase, weil ich niemanden brauchte, der mir erklärte, was ich verpasst hatte. Am allerwenigsten Nina.
»Ich arbeite es alleine nach«, zeigte ich Mr. Charles in Gebärdensprache.
Als er den Satz für Ms. Conn laut aussprach, wurde ihr Gesichtsausdruck sogar noch fieser als sonst. Sie deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger zuerst auf mich und anschließend auf den freien Platz neben Nina.
Ms. Conn war überzeugt, dass sie genau das Richtige tat, denn sie hielt Nina für das klügste Kind in der Klasse. Und Nina dachte, sie beherrsche die Gebärdensprache. Sie hatte sich nämlich einmal ein Buch darüber aus der Bibliothek ausgeliehen – und das machte sie natürlich zur Expertin. Mir war schon öfter aufgefallen, dass manche Menschen selbstbewusst genug waren, um durchs Leben zu kommen, obwohl sie von nichts eine Ahnung hatten.
Mit ihren Händen zeigte Nina etwas Sinnloses in die Luft, während ich meinen Tisch zu ihr hinüberschob.
»Hat sie sich etwa gerade ein ›riesiges Eichhörnchen‹ genannt?«, fragte ich Mr. Charles.
Mein Dolmetscher presste die Lippen aufeinander und schaute zu Boden, um nicht zu lachen. »Ich glaube, sie meinte tolle Partnerin«, antwortete er mir.
Das hatte ich mir zwar schon gedacht, doch es machte mir Spaß, Mr. Charles zum Lachen zu bringen.
Ich wandte mich von Nina ab, um auf der anderen Seite in Clarissa Golds Buch zu schauen. Mr. Charles übersetzte, als ich Clarissa fragte, woran wir gerade arbeiteten. Sofort versuchte Nina sich einzumischen, indem sie mit ihren Händen herumfuchtelte. Ich ignorierte ihre erfundene Gebärdensprache, und sie rückte näher an mich heran. Als ob ich sie nicht sehen könnte! Ich ließ meinen Blick auf Mr. Charles gerichtet, um Nina klarzumachen, dass ich ihre Hilfe nicht brauchte, doch sie verstand es nicht. Wie ein Schwarm nerviger Fliegen schwirrten ihre Finger neben meinem Gesicht herum, und ich hätte sie am liebsten weggeschlagen. Irgendwann konnte ich es nicht mehr ertragen, deshalb machte ich mit einer s