: Annette Wieners
: Die Diplomatenallee Roman
: Blanvalet Verlag
: 9783641277352
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Bonn, 1974: Eine Frau gerät zwischen alle politischen Fronten und beginnt ein gefährliches doppeltes Spiel, um sich und ihre Lieben zu beschützen ...

Heike lebt zurückgezogen mit Mann und Kindern in Bonn, manchmal hilft sie im Schreibwarenladen mit. Von ihr aus könnte es immer so weitergehen. Doch eines Tages steht ihr alter Uni-Professor im Laden, der Leiter des Instituts für Graphologie. Er möchte sich Heikes enorme Begabung zunutze machen: Niemand kann so viel aus einer Handschrift herauslesen wie sie. Nur will sie mit der Graphologie nichts mehr zu tun haben – aus gutem Grund. Außerdem vertraut sie dem Professor nicht. Tatsächlich ist er in den Aufbau der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn verstrickt, und Heike gerät in den Strudel dramatischer Begebenheiten ...


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Annet e Wieners ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie wurde in Paderborn geboren. Nach Stationen in Münster, München und Hannover lebt sie seit vielen Jahren in Köln.

1.


Das Taxi kam gegen Mittag. Ein schwerer Mercedes, wie üblich in dieser Gegend, aber Heike spürte sofort, dass etwas anders war als sonst. Der Wagen parkte nicht vor dem Eingang des Schreibwarenladens, sondern rollte am Schaufenster vorbei. Fuhr auffallend langsam und so dicht vor der Scheibe, dass sie, die gerade am Kassentresen stand, das Streusalz draußen knirschen hörte.

Behutsam legte sie den Füllfederhalter zur Seite, einen P476 in Schwarz. Der Mercedes hielt drüben an der Straßenecke. Die Bremslichter glühten. Das Wageninnere war nicht zu erkennen, weil die Heckscheibe spiegelte. Warum stieg denn niemand aus? Sah man etwa zu Heike herüber?

Sie duckte sich hinter den Postkartenständer. Zwischen den Fächern konnte sie hervorragend nach draußen spähen. Vielleicht war einer der Minister gekommen und kontrollierte, ob Kunden im Laden waren, und falls ja, zu welcher Partei sie gehörten. Ab und zu gab es Befindlichkeiten – aber echte Probleme? Nein, nicht bei Schreibwaren Holländer.

Heike wartete und hörte sich atmen. Sie verabscheute das Gefühl, auf der Hut sein zu müssen. Nicht zu wissen, was als Nächstes geschah.

Das Taxi stand still. Der Auspuff qualmte nicht mehr, der Motor war ausgestellt worden. Die Türen blieben immer noch geschlossen.

Einmal, vor zwei oder drei Wochen, war ein Radfahrer ähnlich seltsam am Schaufenster vorbeigerollt. Ein Abgeordneter, hatte Heike damals gedacht, oder ein Mitarbeiter des Kanzlers, der vor Dienstantritt die Zeitungen überflog, die in der Auslage aufgefächert waren. An jenem Tag hatte sie sich jedenfalls keine Sorgen gemacht.

Bild,FAZ, General-Anzeiger Bonn,Bayerische Staatszeitung, es gab bei Schreibwaren Holländer alles zu lesen. So klein der Laden war, so gut wussten Peter und Heike, was sie der Nähe zum Bundestag schuldig waren. Ihre Regale quollen über. Wer, wenn nicht sie, hielt so viel auf Vorrat? Mappen, Ordner, Umschläge und Papier in Sorten. Büttenpapier, auch teure Varianten, Fabriano, Arches, wildgerippt, die Politik hatte Wünsche. In den Schubladen lagen Tintenroller aus Fernost, Crayons aus Frankreich, Härtegrade B bis H, und in dem Karton auf dem Boden steckten Bänder für Schreibmaschinen, Spulen in jedweder Ausfertigung. Schwarz, blau, rot für Protokolle, Entwürfe, Vertrauliches. Doppelspur für Korrektur.

Ganz oben im Regal neben der Kasse, diskret hinter einem Stapel Bütten, lagerte der gute Cognac. Eine zweite, geöffnete Flasche stand unter dem Tresen bereit, denn es wurde nicht selten nach einem Schluck gefragt, selbst von Leuten, von denen man es nicht unbedingt dachte.

Bloß wenn ein Taxi vorfuhr, aus dem ums Verrecken niemand aussteigen wollte: Wie verhielt man sich dann?

Brüsk schob Heike den Postkartenständer zur Seite. Die Situation hatte möglicherweise gar nichts mit ihr oder dem Laden zu tun.

Bloß war heute alles so zäh. Der Februardienstag hing trüb über der Straße, auch an den Häusern ringsum bewegte sich nichts. Kein Fußgänger, kein weiteres Auto kam vorbei. Mittagszeit in Bonn. Im Taxi,