1. Kapitel
Binz, Montag, 24. August 1925
Für den Erfolg braucht es keine Rechtfertigung, für das Versagen gibt es keine.
BERNADETTE VON PLESOW
Gleich am Morgen hatte Bernadette in Berlin angerufen, um mit ihrem Sohn Constantin zu sprechen. Zwar erzählte sie ihm nichts von dem eigenartigen Traum, doch konnte sie auch nicht gänzlich die Sorge um ihn aus ihrer Stimme vertreiben. In drei Tagen, am Donnerstag, dem 27. August 1925, stand der erste Prozesstag an, und Bernadette ging davon aus, dass es längst nicht so einfach werden würde, die gegen ihn vorliegende Anklage aus der Welt zu schaffen, wie Constantin sie glauben machen wollte. Sie hatte des Öfteren mit Dr. Wilhelm Rebenschlag, Constantins Rechtsanwalt, telefoniert, und dieser sah die Sache ebenso kritisch wie Bernadette. Womöglich wollte er auch nur die Erwartungen an ihn dämpfen, doch Bernadette hielt den Juristen für einen klugen und vor allem realistischen Menschen, dessen Einschätzung sie weit mehr traute als der übermäßig optimistischen, ja sogar fast schon überheblichen Siegesgewissheit ihres Sohnes.
Doch das war eben Constantins Art. Wahrscheinlich hatte er nie genug kämpfen müssen für das, was er heute besaß. Das lag zum einen daran, dass Bernadette ihm – wie auch ihren anderen Kindern – nur allzu gern geholfen hatte und ihm, ohne zu zögern, unter die Arme gegriffen hatte, als er mit dem Vorschlag gekommen war, in Berlin ein Hotel mit angeschlossenem Varieté zu eröffnen. Zum anderen jedoch hatte Constantin sehr rasch begriffen, was notwendig war, um in Berlin bestehen zu können, und sich bereitwillig in die Rolle des skrupellosen Machers begeben, der über Leichen ging. Ja, sie hatte früher nicht wahrhaben wollen, wozu Constantin bereit war, wenn es darum ging, seine Macht zu sichern oder weiter auszubauen. Doch inzwischen hegte sie nicht mehr den geringsten Zweifel daran, wer und vor allem was Constantin war. Ihr Sohn war ein skrupelloser Gangster geworden, dem jedes Mittel recht war, um seine Ziele zu erreichen. Prostitution, Drogenhandel, Glücksspiel und Bestechung waren sein tägliches Geschäft, und wenn es nötig war, schreckte er selbst vor Mord nicht zurück. Doch diesen Mord, der ihm nun vorgeworfen wurde und für den er sogar eine kurze Zeit im Gefängnis gewesen war, hatte er nicht begangen. Zum Glück hatte Dr. Rebenschlag dafür gesorgt, dass er gegen Zahlung einer Kaution und mit der Auflage, die Stadt nicht zu verlassen, bis zum Prozess auf freien Fuß gesetzt wurde. Und aus diesem Grund und einfach weil er ihr Sohn war, würde Bernadette alles tun, um für Constantin zu kämpfen. Vor allem aber ging ihr der nächtliche Traum einfach nicht mehr aus dem Kopf. Er war für sie wie eine Warnung gewesen, dass Constantin schon bald auf der anderen Seite landen könnte, dort, wo die Toten waren. Und das durfte sie nicht zulassen, auf gar keinen Fall. Bernadette wusste, dass sie es nicht verkraften würde, noch eines ihrer Kinder zu Grabe zu tragen. Maximilian war im Krieg gefallen. Ungeachtet der offiziellen Todesnachricht, hatte sie noch lange nach Kriegsende die Hoffnung auf seine Rückkehr nicht aufgeben wollen und weiter auf ihn gewartet. Sie hatte seinen Tod einfach nicht akzeptieren können, zumal sie niemals seinen toten Körper gesehen hatte. Genau das machte es ihr so schwer, das Endgültige zu akzeptieren.
Bei Alexander war es anders gewesen. Ein Unfall, ein vollkommen sinnloser Tod. Doch ihn hatte sie aufgebahrt gesehen, mit geschlossenen Augen und einer Miene, die verriet, dass er nicht me