„Mei, ist das heut wieder ein Wetter! Ein Guss nach dem anderen, typisch April!“
Marie Talhuber nickte lächelnd und quittierte dem Fahrer der Molkerei die abgenommene Milchmenge.
„Dann noch einen schönen Tag, Ernstl“, sagte sie. „Und lass dich net zu nass werden.“
„Talhuberin, du hast einen gefährlichen Humor“, knurrte der, während er wieder ins Fahrerhaus seines Lasters kletterte. „Pfüat di und bis morgen.“
Die Bäuerin des traditionsreichen Talbhuber-Hofes in Griesen, im schönen Werdenfelser Land, warf einen skeptischen Blick gen Himmel, wo sich von Westen bereits neue, tiefgraue Regenwolken näherten, und ging dann rasch über den Wirtschaftshof zum Haus.
Marie Talhuber, Anfang fünfzig, war noch immer eine schöne Frau mit dem glänzenden blonden Haar und den rehbraunen Augen. Sie hatte längst Silberhochzeit mit ihrem Mann Georg gefeiert und ihm drei gesunde Kinder geschenkt. Ganz einfach war das Leben mit dem Bauern nicht, denn er besaß ein aufbrausendes Temperament und eine sehr bestimmende Art. Marie war sanftmütig und geduldig mit dem Zornnagel, der sich stundenlang über eine unwichtige Kleinigkeit aufregen konnte. Im Laufe der Jahre hatte sie Georg das Toben ein wenig abgewöhnt, nach wie vor war der Bauer aber der unumschränkte Herrscher auf dem Erbhof.
Ungeachtet der Tatsache, dass seine Kinder längst erwachsen waren, bestimmte das stämmige Mannsbild alles auf seinem Hof. Und wenn Marie leise andeutete, dass Florian, ihr Ältester, und sein Bruder Stefan langsam auch ein wenig Verantwortung übernehmen sollten, meinte er nur lapidar: „Wenn ich im Austrag bin, dann können die Burschen mit dem Hof anstellen, was sie wollen. Aber bis dahin bestimme ich, wo’s langgeht. So hat es mein Vater schon gehalten und mein Großvater ebenfalls.“
So mussten die Talhuber-Söhne sich manches gefallen lassen, was ihnen gegen den Strich ging. Für Stefan, der nach der Mutter kam, war das kein großes Problem. Florian dagegen hatte das Temperament des Vaters geerbt und oft Mühe, sich zusammenzunehmen. Denn aufs Streiten verstand Georg Talhuber sich, da kam keiner gegen ihn an. Alle auf dem Erbhof wussten, dass es keinen Sinn hatte, sich offen gegen den Bauern zu stellen.
Anna, die einzige Tochter der Bauersleute, kam leidlich mit ihrem Vater aus. Sie hatte sich vor einer Weile mit dem Revierförster Markus Wasner verlobt, was der Bauer gern sah. Auch die Wahl seines Sohnes Florian akzeptierte er, obwohl Marion kein einfacher Mensch war. Das Ehepaar, das seit gut einem Jahr verheiratet war, lag sich die meiste Zeit in den Haaren.
Mutter Marie wusste, dass das nicht allein an Florian lag, vielleicht sogar überhaupt nicht an ihm. Denn entgegen seiner sonstigen Art war der Jungbauer seiner Frau gegenüber geduldig und nett, ja beinahe zu nachgiebig. Er tolerierte jede ihrer Marotten, und das waren nicht wenige.
Als die Bäuerin nun die Küche betrat, wo zwei Mägde damit beschäftigt waren, das Frühstück zu richten, verfinsterte sich ihre Miene. Marion saß auf der Eckbank, hatte die Füße hochgelegt und blätterte in einer Zeitschrift. Seit die Jungbäuerin vom Talhuber-Hof in der Hoffnung stand, überließ sie lieber anderen die Arbeit. Ihr Sohn schien dafür V