Meine Schwester Alice verließ uns mit zwölf und blieb acht Jahre fort. Lang wie ein ganzes Menschenleben dünkte mich ihre Abwesenheit damals, und was sie an Kummer und Leid brachte, wäre in der Tat genug für so manches Menschenleben gewesen. Dabei hatten meine Eltern nur ihr Bestes gewollt.
Als sei es gestern gewesen, erinnere ich mich des Augenblicks, da Alice mit verweintem Gesicht auf den kleinen gepflasterten Hof kam und mir sagte, daß sie in die Fremde müsse. Da ich damals erst sieben und von zarter Gesundheit war, übertrug man mir einfache Handreichungen, die meine Kräfte nicht überforderten. An diesem frostiggrauen, winterlichen Herbstnachmittag hatte Großmutter Grebell mich angewiesen, die Binsen zu wenden und zu schälen, die Gabriel, der Pferdeknecht, und mein Bruder Robert vor einigen Tagen von den Marschen gebracht hatten.
In unserer Zeit des Überflusses sind Binsenlichter ein wenig aus der Mode gekommen, findet man doch Wachskerzen schon in jedem Handwerkerhaus. Mein Vater aber war, obschon ein reicher Braumeister und dreizehnmal zum Bürgermeister von Rye gewählt, ein sparsamer Mann. Oft genug habe ich ihn sagen hören: »Wir wären, da wir von den Marschen umgeben sind, recht töricht und undankbar, wenn wir nicht Gebrauch von dem machten, was Gott uns gibt.« So standen denn große Wannen mit Binsen, die Robert und Gabriel gebracht hatten, auf dem Hof. Meine Aufgabe war es, sie fleißig zu wenden, bis sie weich waren, und dann die Schale von den Stengeln zu ziehen, so daß nur gerade, schmale Hülsen zur Aufnahme des Dochtes übrigblieben. Die wurden dann auf Weidengestellen getrocknet und später in siedenden Talg getaucht.
Ein Pfund Binsen, mit sechs Pfund Talg bereitet, ergibt achthundert Stunden Licht zu einem Preis von nicht einmal drei Schilling