: Joan Aiken
: Anderland
: Diogenes
: 9783257612509
: 1
: CHF 10.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 368
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Pandoras Mutter sucht schon lange einen geeigneten Umgang für ihre künstlerisch begabte Tochter. Da kauft die Musikerfamilie Morningquest das Gut Anderland ganz in der Nähe, und von nun an verbringt Pandora viel Zeit mit den Nachbarn. Als ihre Mutter an einem Herzanfall stirbt, findet sie auf Anderland ein neues Zuhause und erfährt so manches über ihre eigene Herkunft, die ihr die Mutter stets verborgen hatte.

Joan Aiken, Tochter des amerikanischen Lyrikers Conrad Aiken und seiner kanadischen Frau, wurde 1924 in Sussex geboren. Ihre ersten Gedichte und Schauergeschichten schrieb sie im Alter von fünf Jahren. Sie wurde Verfasserin zahlreicher historischer Romane, moderner Thriller und vieler Kinderbücher. Joan Aiken starb 2004 in Petworth, West Sussex.

»Ich möchte gern, daß du heute nachmittag mit mir kommst nach Boxall Hill, wenn ich Unterschriften sammeln gehe«, sagte meine Mutter in jenem prononciert forschen Ton, den sie immer anschlug, wenn sie sich des Erfolges nicht ganz sicher war – so wie ein Reiter sein Pferd beim Anrennen auf ein Hindernis zu rascherem Tempo antreibt.

Natürlich maulte ich und zog aufseufzend die Schultern hoch über die Handvoll Löffel und Gabeln, die ich gerade abtrocknete. »Warum?«

»Weil ich denke, die jungen Morningquests könnten interessante Freunde für dich sein. Und du auch für sie.«

Allein diese Vorstellung reichte mir schon, ihren Plan zu verdammen!

Meine Mutter war in keiner Hinsicht ein Snob, das möchte ich in aller Deutlichkeit klarstellen. Rückblickend jedoch wird mir – voll Trauer und Mitgefühl – klar, daß fast ihr ganzes Leben lang ihr Durst nach intelligenten Gesprächen seitens meines Vaters und der Menschen um sie herum nur höchst unzureichend gestillt wurde. Unzureichend … um es in gemäßigter Tonart zu artikulieren. Sie hatte einen erstklassigen Abschluß in europäischen Sprachen und Literatur, erkämpft unter weiß Gott was für Bedingungen. Sie hätte unterrichten sollen. Aber hier in Floxby Crucis hatte keine einzige Seele den Ehrgeiz, etwas über europäische Literatur zu lernen. Und wenn mein Vater von seiner täglichen Runde heimkam, dann hatte er keinen anderen Wunsch mehr, als sich schweigend in das ›Wochenbulletin des Milcherzeugers und Ratgeber für die Rinderzucht‹ zu vertiefen. (Mein Vater war kein Landwirt, aber die Interessen von Landwirten und Tierärzten überschneiden sich häufig.) Er hatte nicht mal Lust, sich auf englisch zu unterhalten, und schon gar nicht auf französisch, spanisch, deutsch, ungarisch oder russisch.

Die Gesamtschule von Floxby, die ich besuchte, war gar keine schlechte Lehranstalt, wenigstens in ihren oberen Klassen nicht. Aber meine Altersgenossen waren ein reichlich tumber Haufen, und meine Mutter litt, das verstehe ich jetzt, an der nagenden Furcht, ich könne in ein Leben hineinrutschen, das dem ihren ähnelte: Sammeln für den Flohmarkt der Kirchengemeinde oder für den Schwimmbadfonds, die jährliche Kutschfahrt nach Stratford als herausragendstes Ereignis. Und gar der orangefarbene Lippenstift und die laute Lache meiner Freundin Veronica, ganz zu schweigen von der Art, wie sie ihre Beine übereinanderschlug und dabei hohe Absätze und lange, schimmernde Nylonstrümpfe zur Schau stellte, setzten meiner Mutter gräßlich zu und ließen sie bis ins Mark hinein erschauern.

»Komm doch mit«, sagte sie, »der Spaziergang wird dir gut