: Georg Brun
: Bodenloser Fall Ein München Krimi
: Bookspot Verlag
: 9783956691652
: 1
: CHF 7.10
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Pflichtma date hatte Olga Swatschuk schon viele, doch dieses ist anders: Der neueste Mandant der jungen Rechtsanwältin ist schuldig - und ist es doch nicht. Es geht um eine Million Euro, die veruntreut wurde. Gemeinsam mit dem routinierten Privatdetektiv Alex beginnt Olga, eigene Ermittlungen anzustellen, und gerät in ein Dickicht von Bestechung und Verleumdung. In dessen Zentrum steht das Prestigeprojekt Münchens: die Sanierung des Europäischen Theaters. Als das Duo an seine Grenzen stößt, erhält es unerwartete Hilfe. Olgas Zufallsbekanntschaft Sonja erweist sich nicht nur als talentierte IT-Spezialistin, sondern gibt Olga auch den Halt, den sie seit langem gesucht hat. Gemeinsam wagen sie sich an die herausforderndste Gratwanderung ihres Lebens.

In München im Jahr 1958 geboren, ist Georg Brun mit einigen Abstechern stets ein 'Münchner Kindl' geblieben. Nach der 10. Klasse am Gymnasium machte der Autor eine Ausbildung bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei. Im Anschluss holte er sein Abitur nach und studierte Jura, was er 1992 mit dem zweiten Staatsexamen abschloss. Die Promotion beendete er im Jahr 1990. Was Georg Brun seit beinahe dreißig Jahren bewegt, ist, wie spannend Wissenschaft und Forschung sind; das bezeugt nicht nur seine langjährige Tätigkeit im Wissenschaftsministerium, sondern auch sein Wirken als Autor: In seinen nächsten Kriminalromanen wird er das eine oder andere aus diesem Bereich thematisieren. Die Literatur war von Jugend an eine von Georg Bruns Leidenschaften. Als er im Jahr 1988 mit 'Das Vermächtnis der Juliane Hall' sein erstes Buch veröffentlichte und dafür den Bayerischen Förderpreis für Literatur erhielt, begann sein erfüllendes Doppelleben als Jurist und Autor. Ein Aufenthaltsstipendium im Jahr 1997 in der Casa Baldi bescherte ihm zehn Lebenswochen in und um Rom, verarbeitet im Roman 'Die Engel der Kurie'. Die Liebe zur Literatur führte ihn schließlich zur Initiative Junger Autoren und zur Autorenvereinigung 'Die Kogge' sowie zu seinem langjährigen Einsatz für die Deutsche Schillerstiftung in Weimar.

 

 

1

 

Frühsommer und schon eine tropische Nacht. Es radelte sich angenehm durch die menschenleere Stadt. Als sie ihr Büro erreicht hatte, riss sie die Fenster auf. Die Blätter des Kastanienbaums vor ihrem Fenster raschelten. Olga hielt einen Augenblick inne, lauschte hinaus in die schlafende Stadt, deren Hintergrundrauschen niemals verstummte. In der Grünanlage gegenüber war es still. Die letzten Zecher hatten heimgefunden, die Obdachlosen lagen in ihren Schlafsäcken.

So stand sie einige Minuten und scheute sich, das Licht anzuschalten und damit den Alltag in ihr Leben einzulassen, das einer routinierten Regelmäßigkeit folgte, seit sie sich vor drei Jahren mit dem Schwerpunkt Strafverteidigung als selbstständige Einzelanwältin in München niedergelassen hatte. Jeden Morgen überprüfte sie ihren Terminkalender, den Angela, ihre Anwaltsgehilfin, mit größter Sorgfalt führte, und in dem neben Gerichts- und Mandantenterminen mit roter Tinte alle Enddaten für die diversen Fristen eingetragen waren. Olga mochte das quadratische, ledergebundene Buch, und obwohl sie von frühester Jugend an mit Computern und Handys aufgewachsen war, zog sie den altmodischen Kalender dem Outlook-Kalender vor.

Olga verließ das Fenster, kippte den Lichtschalter und setzte sich im Schein der Neonröhren an den Schreibtisch. Sie holte den Leitzordner mit ihren Steuerunterlagen hervor. Das Formular für die Einkommenssteuererklärung war weitgehend ausgefüllt. Sie prüfte die Eingaben und ließ eine erste Berechnung vornehmen: Sie zahlte zu viel Steuern für zu wenig Einkommen.

Wirtschaftlich lief ihre kleine Kanzlei nach wie vor mehr schlecht als recht, aber immerhin kam sie über die Runden und war niemandem außer sich selbst Rechenschaft schuldig. Sie konnte ihre Arbeitszeit ziemlich frei einteilen und selbst entscheiden, welches Mandat sie annahm und welches nicht. Andererseits war es mit dieser Freiheit so eine Sache, denn mangels eines festen Mandantenstamms übernahm sie regelmäßig Pflichtverteidigungen. Immer noch hörte sie die Stimmen ihrer Freunde und Kollegen, die sie davor gewarnt hatten, in der heutigen Zeit, in der die großen Sozietäten angesagt waren, ein Einzelkämpferschicksal zu wählen. Das sei wieFree-solo-Klettern, spotteten die, die mit ihrer Bergleidenschaft vertraut waren.Stimmt, dachte Olga und schickte die Steuererklärung ab.

 

Um halb neun erschien der erste und einzige Mandant des Tages, der Beschuldigte in einem Untreueverfahren, zu dessen Pflichtverteidigerin sie vor zehn Tagen bestellt worden war.

»Martin Prodger, guten Morgen«, stellte sich der schlanke Mann vor.

Er trug einen leicht abgetragenen Anzug. Sein markantes Gesicht wirkte vertrauenerweckend, was Olga überraschte; immerhin wurde ihm in der Anklageschrift die Veruntreuung einer gewaltigen Summe von 865.000 Euro vorgeworfen. Sein Händedruck war fest, sein Blick offen.

Er nahm auf dem Stuhl Platz, den ihm Olga anbot, und bemerkte mit klarer, dunkler Stimme: »Danke, Frau Swatschuk, dass Sie sich meines Problems annehmen.«

Er sah sich um. Auf ihren Besprechungsraum war Olga stolz: Quadratisch mit zwei großen Fenstern zu Innenhof und Seitengasse, weiß gestrichen und völlig schmucklos; ein runder Tisch mit heller Resopalplatte, vier Stühle mit blauen Stoffbezügen, darüber ein Deckenstrahler. Nichts weiter. Jedes Mal, wenn eine neue Mandantin oder ein neuer Mandant hier eintrat, genoss Olga die Überraschung auf den Gesichtern. Niemand erwartete von einer jungen Rechtsanwältin einen so nüchternen Raum, und die meisten konnten sich eine irritierte Bemerkung nicht verkneifen.

Nicht so Martin Prodger, im Gegenteil: »Schön haben Sie es hier«, sagte er.

»Danke«, antwortete sie überrascht. »Nun, Herr Prodger, ich bedauere, dass das Gericht die Bestellung Ihres Wahlverteidigers zum Pflichtverteidiger abgelehnt hat.