: Frank Göhre
: Der Tod des Samurai. Kiez-Trilogie II
: CULTurBOOKS
: 9783959882071
: 1
: CHF 4.40
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 168
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Bandenkrieg in St. Pauli. Der 35jährige Rosenheimer Franz Auer, wegen seines Japan-Ticks »Samurai« genannt, wird, nur wenige Schritte vor der U-Bahn-Station Reeperbahn entfernt, im Hinterzimmer des Lokals »Die Grotte« von einem Unbekannten erschossen, während im Schankraum die Touristen ihr Bier trinken. Über den Toten reden alle nur Gutes, aber zu dem Mord kann und will niemand etwas sagen, auch den Killer erkennt niemand auf dem Phantombild der Polizei ... Die Kiez-Trilogie liefert ein faszinierendes und realistisches Gesellschaftspanorama des Hamburger Rotlicht-Milieus. Göhre nutzt das Genre zur Durchleuchtung des ganz großen Filzes.

Frank Göhre, aufgewachsen im Ruhrgebiet, lebt in Hamburg. Der Autor der der inzwischen legendären »Kiez Trilogie« wurde drei Mal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, zuletzt für seinen Krimi »Verdammte Liebe Amsterdam« (2020), für den er auch den Stuttgarter Krimipreis 2021 erhielt. Im September 2021 erschien bei CulturBooks sein aktueller Krimi »Die Stadt, das Geld und der Tod«.

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Er lag auf der breiten Liege und starrte an die Decke. Er redete. Er redete schon sehr lange. Seine Hände waren nass von Schweiß, und seine Stimme war ihm fremd geworden. Es war die eines kleinen Jungen.

Er hatte draußen im Garten gespielt und Durst bekommen. Über den Balkon war er in die Küche gestiegen und hatte ein Glas Milch getrunken, und dann etwas aus seinem Zimmer holen wollen. Keine Ahnung mehr, was.

Nein, er erinnerte sich wirklich nicht. Das war doch auch nicht wichtig, oder? Er war jedenfalls über den Flur geschlichen. Er stockte. Es fiel ihm jetzt selbst auf, was er gesagt hatte. Geschlichen. Also heimlich. Ja, um nicht zu stören. Seine Schwester übte für das Schulfest. Sie spielte Cello. Die große Schwester. Sie war älter als er. Papas Liebling. Er hörte Papas Liebling im Schlafzimmer der Eltern. Die Tür war nur angelehnt.

Er hatte seine Schwester vorher nie ganz nackt gesehen. Jetzt sah er sie. Sie lag auf dem Bett und hatte die Augen geschlossen. Ihre Hand war zwischen den Beinen, und sie stöhnte leise. Er konnte einfach nicht wegschauen. Ganz genau sah er, was sie da mit sich machte. Sah ihren dunklen Pelz und das Auge. Das Bärenauge. Die Muschi. Die Möse. Die Votze. Er kannte diese Wörter schon. Er war nicht mehr so klein. Er war dreizehn, und auf der Straße sprachen sie oft davon. Von den Ischen und Weibern und was sie da unten hatten. Die Hand wurde schneller und schneller, und er hielt den Atem an und sein Herz klopfte heftig. Seine Schwester keuchte und wand sich, als habe sie Schmerzen, wurde lauter und er spürte plötzlich, dass vorn seine Hose feucht wurde. Erschrocken stürzte er ins Bad und vergaß, abzuschließen. Und dann war sie auf einmal da und riss ihn an den Haaren und schlug ihn und schrie. Sie schlug ihn hart, prügelte ihn.

Er wehrte sich nicht. Er ließ sich nur zu Boden fallen, und irgendwann war es vorbei. Er atmete schwer.

Seine Schwester hockte auf dem Wannenrand und heulte. Sie hatte Papas Schlafanzugjacke übergezogen und sonst nichts. Sie zitterte am ganzen Körper. Es dauerte lange, bis sie etwas sagen konnte. Niemand durfte es erfahren, schluchzte sie schließlich. Obwohl es nichts Schlimmes war. Es war nicht schlimm, in Papas Bett zu liegen und Bauchweh zu haben. Das war von der Hitze gekommen und dem vielem Eis. Und dann versprach sie ihm Geld und dass sie ihm bei seinen Schularbeiten helfen würde. Er nickte nur. Nickte und sah sie wieder an. Sie lächelte zaghaft und strich ihm das Haar aus der Stirn, streichelte sein Gesicht. Und dann umarmte sie ihn und zog ihn an sich, redete leise weiter. Dass er sicher schon verstehe, wie das ist. Wenn einem so heiß sei. Er verstand alles. Er verstand sie sehr gut. Ihm war auch heiß, furchtbar heiß.

Ja, ja! Unvermittelt schlug er die Hände auf die Liege und schrie: Jaaahhhh! Ein gellender, durchdringen