Im Haus gegenüber wohnte wieder jemand. Oder auch nicht. Es war Dorfgespräch. Enne hatte Licht gesehen, Christina auch, aber die sah auch Geister. Einige vermuteten einen Obdachlosen, der sich ein frühes Winterquartier genommen hatte, schließlich ging der Sommer dem Ende entgegen. Warum sollte so jemand kein leerstehendes Haus in Beschlag nehmen, das sowieso keiner haben wollte, wegen der alten Geschichten und weil es nur noch vom Efeu zusammengehalten wurde. Sich auf Dauer zu verstecken, würde hier allerdings kaum funktionieren, denn sie waren aufeinander angewiesen. Das hatten auch die Neuen schnell kapiert. Es gab keinen Laden, keinen Arzt, keine Sparkasse, nur die Weite und das Nichts. Genau das hatten die Neuen gesucht, nur mussten sie dann auch damit zurechtkommen. Zu tun gab es genug. Die Neuen werkelten gern an ihren Häusern herum und das war gut so, denn die Alten machten das auch, da konnte man sich austauschen und lernte sich kennen. Die Neuen malten auch oder schrieben Bücher, das musste man ihnen wohl zugestehen, auch wenn es für nichts gut war, wie Albrecht fand. Enne hatte auch so einen Hang zum Nutzlosen. Sie erzählte Geschichten, aber sie zog auch Gemüse. Das eine wog das andere auf und so kamen sie über die Runden.
Als die Mauer fiel, waren so viele abgehauen, sich die Welt angucken und drüben gutes Geld verdienen. Nur Enne war hiergeblieben, um die Lücke zu schließen, die Suse hinterließ. Sie hatte zugesehen, wie das Leben aus dem kleinen Fischerdorf heraussickerte, ebenso wie aus ihrer Mutter. Lore begriff alles das nicht. Enne hätte sie das zugetraut, einfach zu verschwinden. Suse nicht. Nun war Enne geblieben. Das Leben war unberechenbar. Es kehrte sogar zurück.
Nach all den einsamen Jahren brannte in den Fenstern der hastig verlassenen Häuser wieder Licht. Dieser winzige Ort mitten im Nirgendwo zog die Sehnsüchtigen an. Christina kam als Erste. Die Kusine aus dem Westen hatte schon immer vom Kamp geträumt. Das zog Kreise. Nach ihr kamen die Einsiedler, Künstler und Macher. Die kauften eine Bruchbude nach der anderen weg, um sie wieder herzurichten. Da konnte man nur staunen. Nun siedelte ein bunter Haufen auf dem Kamp. Enne versorgte sie alle mit Pflaumenmus. Es war ja genug da und man musste die Neuen bei Laune halten, damit die nicht wieder fortzogen.
Eddy war damals skeptisch gewesen wegen der vielen Fremden, die ins Dorf kamen. Albrecht sowieso, denn was wussten die schon, aber es wurde alles gut. Gemeinsam bauten sie das Kulturhaus wieder auf. Eddy holte den alten Trecker aus dem Schuppen, den er damals, Anfang der Neunziger, vor dem Verschrotten gerettet hatte. Den konnte man noch für alles Mögliche gebrauchen, um alte Scheunen abzureißen oder Gräben für Fundamente auszuheben. Eddy mauerte auch, verlegte Leitungen und reparierte alte Türen und Fenster. Er war in seinem Element. Nur das Akkordeon stand sich weiter auf dem Dachboden kaputt. Enne hatte gehofft, dass er es in die Hand nähme, um sich endlich um die kaputten Tasten zu kümmern, damit sie zusammen Musik machen konnten, vielleicht auf einem der Dorffeste, die sie wieder feierten. Nochmal die alten Lieder singen, die die Neuen bestimmt nicht kannten, das wünschte sich Enne.
So wie damals. Früher. Vorher.
Sie dachte jetzt oft solche Worte.
Als die Fähre wieder fuhr, feierten sie ein Fest, da hätte es gepasst, aber Eddy weigerte sich, auch nur einen Ton zu spielen. Ruben, dieser verrückte Typ aus Hamburg, hatte sein altes Boot umgerüstet. Der war von der Nordsee rübergekommen, um was Neues zu machen. In seinem alten Leben hatte er Computer programmiert, nun war er Fährmann. Es sprach sich schnell herum, dass man sich vom Kamp wieder nach Usedom übersetzen lassen konnte. Das eine zog das andere nach sich. Bald stellte jemand einen Imbisswagen an den Hafen. Cola, Pommes, Bratwurst. Enne baute in den Sommermonaten den alten Tapeziertisch unterm Pflaumenbaum auf. An den Wochenenden bot sie Kaffee und Selbstgebackenes an, für die Kinder Limonade und Saft, alles gegen eine Spende. Manchmal setzte sich Christina dazu mit ihren Tinkturen und Salben, mit den selbstgestrickten Socken und der Wolle, alles pflanzengefärbt und handgesponnen. Sie hielt sich zwei Schafe, weil die Sache mit den Geistern zum Leben nicht reichte.
Die Sommer waren jetzt schön und heiter, sie saßen oft zusammen am Hafen, wenn die Arbeit getan war, und guckten sich die Augen an den Sonnenuntergängen tranig. Die Weinflaschen kreisten, Enne erzählte Geschichten. Gute Tage waren das. Da fiel das Leben leicht.
Später im Jahr, wenn die Gäste ausblieben und die Nebel kamen, wenn man anfing, die Spinnweben aus den Schornsteinen zu fegen und Feuer in den Öfen anzuzünden, zeigte sich, wer für das Ende der Welt wirklich taugte. Manche zogen in die Berliner Zweitwohnung. Andere überwinterten auf La Gomera. Wenn die Dunkelheit aus den schweren Böden kroch und sich auf die Gemüter legte, blieben nur die Mutigen.
Aber nun war noch August, der Winter fern und der Herbst spät dran, denn dieser Sommer war zäh. Sonst hingen am Morgen schon die Tautropfen wie Wäsche an den Spinnenfäden, aber es war viel zu trocken, das Land eine Steppe.
Enne fand in diesen Nächten keinen Schlaf. Also hatte sie wieder Obst eingekocht, statt das Bett umzurühren und sich von einer Seite auf die andere zu wälzen. Die Früchte platzten schon auf. Es wurde höchste Zeit, sie zu verarbeiten. Bis zum Morgen hatte sie in der Küche gestanden, die Arme bis zu den Ellenbogen in den Pflaumen wie davor schon in den Himbeeren, Johannisbeeren und Heidelbeeren. Sie hatte darüber nachgedacht, was sie gesehen hatte, in einer anderen durchwachten Nacht vor ein paar Tagen. Sie hatte das nicht geträumt. Die Gestalt war um Almas Haus geschlichen und dann hatte sie hinter den Fenstern ein Licht gesehen, wie von einer Taschenlampe. Am nächsten Tag hatte sie Eddy davon erzählt. Der meinte, das sei nur ein Tier und reflektierter Mondschein gewesen. Er dachte das immer noch, denn sollte tatsächlich jemand eingezogen sein, hätte man das doch längst mitbekommen. Auch ein Eremit musste mal einkaufen gehen.
Am Morgen hatte Enne einen Korb gepackt. Drei Gläser von dem frisch gekochten Pflaumenmus. Sie hatte ihn vor die Tür gestellt, weil keiner aufmachte, trotz Klopfen und Rufen. Nun war Mittag und der Korb stand gut sichtbar vor der wild wuchernden Ligusterhecke, direkt an der Straße. Sie ging ihn holen. Der Korb war leer. Sie blieb am Zaun stehen und winkte zu den blinden Fenstern hin.
»Hallo? Ich bin Enne! Ich wohne gegenüber! Wenn Sie irgendwas brauchen, sagen Sie einfach Bescheid!«
Nichts regte sich. Die Tür blieb verschlossen, hinter den Fenstern hingen die alten Gardinen wie Lappen und auf der Fensterbank standen dieselben toten Topfblumen, aber jemand hatte das Mus genommen. Dieser Jemand mochte also Pflaumenmus, aber keine Nachbarn. Es fühlte sich verkehrt an, nur hatte sie keiner zu diesem Willkommensgruß gezwungen.
Christina kam mit dem Rad gefahren. Sie trug eines ihrer bunten Wallekleider, es schlotterte um ihren hageren Körper. Sie kniff die Augen zusammen, weil die Sonne sie blendete. Hinter der faltigen Haut ahnte man noch das jugendliche Gesicht. Das Haar trug sie lang und offen, es hatte nun die Farbe von angelaufenem Silber. Enne dachte, dass Suse im Alter auch so aussehen musste. Es hatte da immer eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Kusinen gegeben, bis auf die Augen. Suses hatten die Farbe von Bernstein gehabt. Christinas waren hellbraun wie die von Enne.
Christina stieg vom Rad und sah auf den Korb in Ennes Hand.
»Kommst du vom großen Unbekannten?«
»Wer sagt, dass es ein Mann ist? Könnte ja auch eine Frau sein.«
Christina schloss kurz die Augen und guckte dann bedeutsam. »Ich sehe einen Mann.«
Sie sah alles Mögliche, wenn sie nicht hinsah, auch Tote, jedenfalls behauptete sie das. Jetzt lief ihr von der Hitze der Schweiß in die Augen, sie wischte mit dem Arm darüber.
»Wo warst du?«, wollte Enne wissen.
»Kräuter sammeln. Breitwegerich. Ist gut gegen Husten und Erkältung. Und dann noch –«
Bevor Christina ihr jedes Unkraut aufzählte, das sie gesammelt hatte, fiel Enne ihr ins Wort.
»Unser spezieller Mensch da hat übrigens mein Pflaumenmus genommen. Es gibt ihn. Oder ...