: Rebecca Maly
: Die Waterperry Girls - Blumenjahre Roman | Historischer Roman für alle, die England und seine Gärten lieben
: Piper Verlag
: 9783492600941
: Die englischen Gärtnerinnen
: 1
: CHF 8.90
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: German
: 400
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Aufbruch in ferne Welten und neue Zeiten England 1939: Sybilla schließt sich der Bewegung »Dig for Victory« an, wo jede freie Fläche für Gemüseanbau genutzt wird, um den Hungernden in den Kriegsjahren zu helfen. Sie vermisst ihre Freundin Tilda, doch die ist in Borneo und bangt um das Leben ihres Geliebten: Muss er an die Front? Als die Pflanzensucher es endlich zurück nach England schaffen, erkennt Tilda ihre Heimat kaum wieder, und ihre sonst so starke Freundin hat Liebeskummer: Die Zeit der blühenden Gärten scheint vorbei. Doch dann hat Tilda eine geniale Idee, wie die beiden Freundinnen in eine glückliche Zukunft starten können. Ein hinreißender historischer Roman für alle, die England und seine Gärten lieben

Rebecca Maly, geboren 1978, arbeitete als Archäologin, sowie in Köln und Los Angeles beim Film, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. Unter ihrem realen Namen Rebekka Pax veröffentlichte sie bereits erfolgreich mehrere Romane und wurde 2017 für »Die Schwestern vom Eisfluss« mit dem Delia-Preis ausgezeichnet.

1


Borneo, Mai 1939


Da war Blut auf Bennets Hemd.

Blut, das sich rasend schnell ausbreitete.

Bennets Augen waren plötzlich glasig. Er wankte. »Tilda … Ich … Ich bin getroffen«, stammelte er.

»Wir werden angegriffen! Mein Mann ist verletzt!«, brüllte sie. Ihre Stimme überschlug sich, klang schrill in ihren eigenen Ohren.

Eben erst hatte es aufgehört zu regnen, und sofort war Nebel aus dem dichten, dunkelgrünen Blätterdach des bornesischen Dschungels aufgestiegen. Ihr hölzernes Flussschiff, ein fast zwanzig Schritt langes Gefährt mit flachem Boden, hatte sich geräuschlos durch die trägen, trübbraunen Fluten des Urwaldstroms bewegt. Hier und da waren an Sandbänken Krokodile zu erahnen gewesen, saßen Reiher auf niedrigen Zweigen und lauerten auf Beute.

Tilda hatte den Tag damit verbracht, die herrliche Landschaft zu beobachten, die an ihnen vorbeizog. Hin und wieder ließ sich sogar ein Blick auf die gewaltigen Berge erhaschen, die sich die meiste Zeit als bläuliche Schemen hinter einem Schleier aus Nebel verbargen. Auf ihrer Expedition waren die Bäume meist so hoch und dicht gewesen, dass von der herrlichen Landschaft in der Ferne nichts zu sehen gewesen war. Nun kehrten sie in dichter besiedelte Küstengebiete zurück.

Das Schiff glitt mit dem Strom und wurde nur durch den Steuermann mit einem langen Stecken auf Kurs gehalten. Die übrige Arbeit tat der Fluss, dessen trübes Wasser dem Meer entgegenstrebte.

Sie reisten beinahe geräuschlos. Etwas anderes blieb ihnen ohnehin nicht übrig, denn der Treibstoff war ihnen schon vor zwei Tagen ausgegangen. Auf dem Schiff breitete sich nun der Duft von würzigem Essen aus, das in diesem Moment aufgetischt wurde. Tilda war zu Bennet gekommen, um ihm Bescheid zu geben. Statt sich auf der Bastmatte niederzulassen und zu essen, waren sie beide wieder einmal so sehr vom Anblick der üppigen Natur gefangen gewesen, dass sie alles andere um sich herum vergaßen.

Der Schuss war wie aus dem Nichts gekommen.

Vögel flogen in Schwärmen auf, und aus dem Wald drangen die Warnrufe von Affen. Erst jetzt bemerkte Tilda ein schmales Holzboot, das sich aus einem überwucherten Nebenarm schob.

Um sie herum brach Panik aus. Der Schiffseigner rief seinen beiden Helfern etwas zu, seine Frau duckte sich in eine Nische.

Auf dem Wasser erschienen nun nicht nur ein, sondern zwei kleine Ruderboote und kamen erschreckend schnell näher. Sie würden das größere Flussschiff bald eingeholt haben.

»Wir müssen hier weg, Bennet«, flüsterte Tilda gepresst. Nachdem die Angst wie ein Sturm über sie hinweggefegt war und sie beinahe von den Beinen gerissen hatte, klärte sich ihr Verstand nun. Sie umfasste Bennet mit beiden Händen und zog ihn von der Reling fort, während sich weitere Kugeln krachend in die Bordwand gruben.

Die angreifenden Boote zingelten sie von zwei Seiten ein.

Tilda hatte nur noch einen einzigen Gedanken: Fort! Ihren Liebsten in Sicherheit bringen!

Brüllaffen schrien in den Bäumen am Ufer, der Himmel war noch immer voller aufgeschreckter Vögel. Ihre kleine Schiffsmannschaft mühte sich mit Rudern und Staken, den Angreifern zu entfliehen, doch es schien aussichtslos. Zu schwerfällig war ihr voll beladenes Flussboot. Sie schrien die Angreifer in ihrer Sprache an. Die Köchin hingegen kauerte zitternd in ihrem Versteck.

Tilda zog Bennet mit sich. Er stolperte und hielt sich die Brust. Endlich erreichten sie einen sicheren Bereich zwischen hochgestapelten Kisten voller Fundstücke. Sie zwängten sich in einen schmalen Gang. »Setz dich«, drängte Tilda heftig atmend.

Bennet versuchte, sich abzustützen, doch ihm rutschten die Beine weg, und er sackte auf dem Boden zusammen. Auf einer der Kisten blieb eine Blutspur zurück.

»Bring dich in Sicherheit, Tilda. Du musst dich retten«, keuchte er, und seine grünen Augen wurden dunkel wie ein Urwald, in dem man sich leicht verirrte.

»Unsinn, ich lasse dich nicht allein. Und wo sollte ich denn auch hin?«, erwiderte sie flüsternd.

»Tilda!«

»Leise jetzt.«

Er blinzelte langsam und lehnte den Kopf mit halb geschlossenen Augen gegen eine der Kisten. Die Schüsse hatten aufgehört, doch Tilda nahm ohnehin nichts mehr wahr außer Bennet und dem Blut auf seinem dünnen Tropenhemd. Energisch riss sie es auf und streifte es über seine Schultern. Mit dem zusammengeballten Stoff wischte sie das Blut fort, bis sie die Wunde besser erkennen konnte. Die Kugel war knapp unter dem rechten Schlüsselbein eingedrungen und auf gleicher Höhe wieder ausgetreten, das sah sie nun.

Aus der Wunde auf dem Rücken ragte ein Knochenstückchen.

Übelkeit schwappte über Tilda hinweg, doch sie schluckte hart und fing sich rasch wieder. Für derlei Befindlichkeiten war jetzt keine Zeit!

Energisch riss sie das Hemd entzwei und drückte die eine Hälfte auf die Eintrittsstelle, um den Blutfluss zu stoppen. Bennet stöhnte, sein Kopf sackte nach vorn.

»Bennet? Bennet, Liebster, bleib bei mir. Nicht einschlafen. Ich liebe dich, hörst du? Bleib bei mir, verdammt!« Ihre Stimme zitterte. Sie drückte ihm einen Kuss auf den Mund, und tatsächlich hob er den Kopf wieder und lächelte gequält. »Zu … Befehl.«

Ein Ruck ging durch das Flussboot. Männer sprangen an Deck. Der Bootseigner Samat schrie etwas, die Angreifer brüllten zurück, dann fiel ein weiterer Schuss, und es wurde schlagartig still.

»Miss?«, hörte Tilda Samat mit zittriger Stimme rufen. Er musste es noch einmal wiederholen, bis sie reagierte.

Sie nahm Bennets Hand und legte sie auf das zusammengeknüllte Hemdstück. »Drück das auf die Wunde«, beschwor sie ihn. Er tat es, hielt Tilda aber mit seiner anderen Hand am Arm fest. »Nicht.« Er blickte ihr tief in die Augen.

»Ich muss.« Langsam richtete sie sich auf und sah erst jetzt, was inzwischen geschehen war. Vier Räuber, zwei von ihnen mit Gewehren bewaffnet, waren an Bord gekommen. Die Mannschaft stand mit erhobenen Händen da. Nur sehr langsam folgte Tilda ihrem Beispiel, als ein Gewehrlauf zu ihr herüberschwenkte.

Sie waren überfallen worden, aber warum? Weshalb ausgerechnet sie? Sie hatten doch nichts! Was wollten diese Leute von ihnen? Tilda würde ihnen alles geben, nur damit sie wieder verschwanden und sie Bennet so schnell wie möglich zu einem Arzt bringen konnte. Die Sorge um ihren Mann war es auch, die Tilda in dieser Situation nicht den Kopf verlieren ließ.

»Was wollen diese Leute von uns?«, wandte sie sich an Samat.

»Geld, Miss. Alles von Wert.«

»Wir haben nichts.«

»Das habe ich ihnen auch gesagt, aber sie glauben mir nicht. Sie denken, alle Engländer sind reich.«

Der Anführer der Gauner, ein hagerer Kerl mit knotigen Gelenken und schütterem Bart, schrie etwas. Dann schlug er der Köchin Eseha den Gewehrkolben an die Schläfe. Die zarte Frau brach sofort zusammen. Ihr Mann sank mit einem Klagelaut in die Knie.

Tilda musste die Sprache nicht verstehen, um zu wissen, dass er gerade um das Leben seiner Liebsten flehte. Sie selbst stand einfach da wie zur Salzsäule erstarrt, während die Räuber begannen, die Kisten zu öffnen und die gesammelten Pflanzen herauszuwerfen. Achtlos trampelten sie über einmalige Bromelien, Lilien und Orchideen, wühlten sich bis zum Grund der Behältnisse vor und schleuderten die leeren Kisten über Bord.

»Tilda«, hörte sie Bennet flüstern und drehte sich zu ihm. Mit dem ausgestreckten Arm hielt er ihr ein kleines Goldkreuz an einer Kette hin, das er als Andenken an seine verstorbene Schwester Beatrice trug. In der blutverschmierten Handfläche lag auch sein Ehering. »Gib ihnen den Schmuck.«

Ihr Herz fühlte sich an, als würde es zwischen Gewichten zerquetscht, während sie ihren eigenen Ring vom Finger zwang. In der schwülen Dschungelwärme saß er sehr fest. Die Kette mit dem...