Der Serverraum der Unterwelt
9:10
Irgendwo in einer durchschnittlichen Stadt eines durchschnittlichen Landes erschien ein geisterhaftes Gesicht auf einer Glasscheibe und schnitt Grimassen.
»Nein, Sie müssen …
Halt! Nicht das! Ich versuche ja gerade, Ihnen zu erklären …
Was haben Sie gerade gemacht? Die Verbindung ist plötzlich abgebrochen …
Sie haben was?
Nein, ich komme nachher bei Ihnen vorbei und richte es wieder ein. Ja. Bis später.«
Es ist eine allseits anerkannte Wahrheit, dass moderne Computertechnik am besten funktioniert, wenn von vornherein kein Benutzer involviert ist. Schmerzlich an diese Tatsache erinnert, zog Alexis sich das Headset vom Ohr und kippte vorn über. Das Miniaturweihnachtsbäumchen auf ihrem Schreibtisch hüpfte, als ihr Kopf die Tischplatte traf. Der Tag hatte so gut angefangen. Sie und ihr Rechner. Allein. Alexis stieß ein Geräusch aus, das irgendwo zwischen undichter Dampfmaschine und existenzieller Krise angesiedelt war und notierte sich den neuen Termin. Das war Punkt 41 auf der heutigen To-do-Liste. Gerade wollte sie nach einer Zimtschnecke greifen, als das Telefon schon wieder klingelte. Einen wütenden Blick gen Himmel werfend nahm sie ab. Man sollte meinen, dass die Leute an Silvester daheim bei ihren Familien wären, anstatt zu arbeiten. »Avivan IT-Systemhaus, Sorbas am Apparat, wie kann ich Ihnen helfen?«, ratterte sie herunter.
Unter Rauschen meldete sich eine Stimme von der Qualität eines fernen Erdbebens. Es klang so, als wäre der Sprecher sehr weit weg. »Ich habe Sie ausgewählt, um meine Maschinen zu reparieren.«
Das durfte doch nicht wahr sein. War heute Vollmond und alle Verrückten hatten beschlossen, sie heimzusuchen?
»Es tut mir leid, aber unser Kontingent an Scherzanrufen ist für heute schon aufgebraucht. Kommen Sie also bitte zum Punkt, ansonsten wünsche ich Ihnen einen schönen Tag.«
»Sie sollen meine … was?«, brach der Anrufer ab.
Alexis hörte die Stimme einer Frau im Hintergrund: »Sag ihm, was auf dem Zettel steht, Chef!«
»Da steht nur Kauderwelsch. Er soll herkommen und dein Zeug reparieren, mehr muss er doch nicht wissen«, rauschte nun die Männerstimme wieder aus dem Headset.
»Ihnen ist schon klar, dass ich noch am Apparat bin?«, schaltete sich Alexis ein. Hatte sie etwa in einem früheren Leben schlechtes Karma angehäuft und wurde jetzt dafür bestraft? Sie nahm eine Zimtschnecke und biss hinein.
»Jetzt lies ihm endlich das da vor, Chef!«, zischte die Frau aus dem Hintergrund wieder.
Aus dem Hörer drang ein Seufzen, als fiele ein Grabstein um. »Also gut. Können Sie bitte über Fernwartung auf unseren S-E-R-V-O-R?«, buchstabierte er. »Server! Unseren Server zugreifen? Ein U-P-D-A-T-E?«
»Update!«, zischte es.
»Ach so. Ein Update wurde eingespielt und seitdem funktioniert unsere Abrechnungssoftware nicht mehr«, las die Stimme vor.
Für einen Moment war Alexis versucht, einfach aufzulegen. Ihre Augen wanderten durch das leere Büro entlang der Weihnachtskarten ihrer Kunden, die sich auf dem Schreibtisch aneinanderreihten.
Sie seufzte resigniert. »Sicher. Haben Sie schon Teamviewer installiert? Dann kann ich mir die Sache ja mal kurz ansehen«, antwortete Alexis und biss wieder in die Zimtschnecke.
»Polyphylla, was bedeutet Teamwiüwer?«, fragte die Stimme am anderen Ende.
»Das ist eine Fernwartungssoftware für Screensharing, mit der man über das Internet auf andere Geräte zugreifen kann und …«
»Genug!«, unterbrach er die andere Stimme. »Morgen muss meine Unterwelt wieder offen sein und dank deiner Unfähigkeit brauche ich jetzt einen verdammten Heroen, der den Fehler wieder ausbügelt!«
Die Stimme des Sprechers war mit jedem Wort lauter geworden, sodass