Mystra
Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern als meine Kindheit zu Ende ging. Der Winter hatte angefangen sich für dieses Jahr wieder in die Berge zurückgezogen, aber im Diosthyios konnte es durchaus noch ungemütlich kalt werden. In der Stadt waren wahrscheinlich die ersten Anzeichen des Frühlings zu spüren, aber in Mystra, dem Landsitz der Familie meines Vaters an den Ausläufern des Taÿgetos-Gebirges lag noch Schnee. Die Nächte waren noch kalt, morgens war Raureif auf den Ästen der kahlen Bäume und die Teiche waren mit Eis bedeckt.
Ich war wohl das, was man allgemein als ‚wildes Kind‘ bezeichnete, selbst für spartanische Verhältnisse. Wo die anderen adligen Mädchen aus meiner Gegend sich meist dem Lernen widmeten ritt ich lieber aus. Und wenn einmal kein Pferd zu ergattern war, dann kletterte ich auf Bäume, fing Fische im Fluss oder stellte mit meiner Freundin Praximika irgendwelchen Unsinn an. Praximika und ich waren gleichalt, zumindest soweit wir das sagen konnten. Als Spartanerin hatte man meinen Geburtstag natürlich vermerkt, aber wer gab sich schon die Mühe, den Tag der Geburt eines Heiloten oder einer Heilotin aufzuzeichnen? Also feierten ich und meine Freundin der Einfachheit halber unseren Geburtstag immer gemeinsam, schließlich verbrachten wir sowieso die meiste Zeit zusammen.
Ich wuchs in Mystra auf. Als Kind war das für mich immer ein magischer Ort, am Rande der Berge, die das Tal des Eurotas nach Westen hin umsäumten. Auf dem weitläufigen Gut der Königsfamilie der Agiaden gab es überall etwas zu entdecken und Abenteuer zu erleben. Obwohl man es mir – ich war damals noch ein etwas zu dünn geratenen Mädchen mit den struppigen dunkelbraunen Haaren, einem leichten Lispeln und einer etwas zu großen Unterlippe – nicht ansah, war ich doch die einzige Tochter von Archidamos II. und seiner zweiten Frau Eupoleia.
Meinen Vater sah ich natürlich nicht sehr oft. Er war meistens ‚in der Stadt‘, wie die Leute auf dem Land hier alle so sagen, in Sparta eben. Als einer der beiden Könige hatte er natürlich immer genügend wichtige Aufgaben und Verpflichtungen, die seine Zeit in Anspruch nahmen. Wie bei allen anderen Spartiaten auch war die Erziehung der Kinder, also von mir und meinem älteren Bruder Agesilaos, Frauensache. Bis zu unserem siebten Lebensjahr kümmerten sich stets Ammen und Dienerinnen aus dem Heilotengesinde der Familie um uns beide, stets unter den wachsamen aber liebenden Augen ihrer Herrin, meiner Mutter.
Mit Sieben mussten die Jungen zur Agoge, damit sie lernen Soldaten zu werden, während die Mädchen die Schola besuchten, um sich auf ihre späteren Aufgaben als gute Ehefrau eines Kriegers, Mutter von Helden und Verwalterin des Gutshofes ihrer Familie vorbereiteten. Agesilaos war vor ein paar Monaten im letzten Herbst eingezogen worden, aber ich hatte noch Zeit bevor für mich der Ernst des Lebens begann; zumindest dachte ich das damals.
Mutter sagte, wir würden ihn erst zu den Gymnopaidia im Hekatombeus wiedersehen, also in über einem halben Jahr. Da haben die jungen Kadetten in Sparta ihren ersten öffentlichen Auftritt. Ich war noch nie dabei gewesen, und auch wenn ich keine rechte Lust auf die Stadt hatte, so freute ich