2. Perspektiven
Montag, am Vormittag
Es gibt in Wien nur eine Möglichkeit, wo der beißend kalte Herbstwind weicht. Wenn es regnet. Durchnässt betritt Meixner das kleine Lokal am Eck gegenüber seiner Wohnung. Der Mantel ist alles andere als wetterfest, auch die abgenutzten italienischen Schuhe haben gegenüber den regennassen Straßen aufgegeben. Bei jedem Schritt klingt es, als ob man in einem Fass voller Schlamm herumstapft.
Das Lokal hat keinen besonderen Charme, es ist ein einfaches Wiener Beisl. An der Theke sitzen wie immer um diese Zeit dieselben Bauarbeiter bei ihrem fünften Mittagsbier, diskutieren wie jeden Tag über dieselben Themen. Flüchtlinge, Fußball und Frauen. Im hintersten Eck sitzt wie jeden Tag der alte Mann mit seinem Hund und nuckelt an seinem Kaffee. Besonders heute drängt sich der Geruch des nassen Tieres Meixners Nase auf. Herr Bund heißt der alte Mann, und wie immer sitzt er mit aufgeschlagener Zeitung an dem Tisch, unter dem ein Wassernapf für seinen Hund Wasti steht. Jeden Tag ist Meixner im letzten Jahr hier gewesen. Und jedes Mal betrachtet er den alten Mann mitleidig. Am heutigen Tage mit besonderem Mitleid. Denn er sah sich kurzzeitig schon selbst in dem alten Mann. Falls man ihn in den vorzeitigen Ruhestand geschickt hätte. So gesehen ist die SOKO vielleicht nicht die schlechteste Sache, die ihm heute widerfahren ist. Meixner hängt seinen triefend nassen Mantel an einen Haken der Garderobe gleich hinter der gläsernen Eingangstür und lässt sich auf seinem Stammplatz nieder.
»Wie immer, Herr Inspektor?«, fragt Elfi, die Betreiberin des Beisls.
Wie er diese Bezeichnung doch hasst. Inspektor. Immer wenn Elfi ihn so begrüßt, drehen sich die restlichen Gäste um und mustern ihn. Gleich darauf senken die beiden Bauarbeiter an der Theke ihre Stimme, denn die Polizei hört ja mit.
»Ja, Elfi, wie immer«, antwortet Meixner. Er nickt den beiden Bauarbeitern zu und wirft ihnen einen direkten Blick entgegen.
»Brauchts ned leiser reden, i kenn eure Gschichtln eh schon auswendig!«, sagt Meixner zu den beiden.
Elfi bringt Meixner seine Melange, das obligatorische Glas Wasser und ein Stück vom hausgemachten Apfelstrudel. Heute ist Montag, also ist er wirklich frisch. Mit dem Apfelstrudel verhält es sich wie mit Elfi selbst. Über die Woche wirft er immer mehr Falten und wirkt etwas weniger frisch. Elfis Gesicht ist gezeichnet von einer bewegten Vergangenheit. Trotz dicker Schminke lässt sich erkennen, dass diese Frau schon einiges erlebt hat. Ihre Haare hat sie wohl schon länger nicht mehr schwarz nachgefärbt, der weißgraue Nachwuchs ist deutlich zu erkennen. Früher selbst Stammgast in diversen Gaststätten, dem Alkohol nicht abgeneigt, ist sie irgendwann an den falschen Mann geraten. Und doch hat sie sich wieder aufgerappelt, nachdem ihr damaliger ihr zugemuteter Ehemann sie mehrmals krankenhausreif geprügelt hat. Sie hatte Meixner zu jener Zeit um Hilfe gebeten, und dieser verschaffte mit seiner direkten Art, Konfrontationen zu lösen, dem prügelnden Ehegatten eine neue Weltanschauung. Nun gut, ein paar Wochen schaute er auf die Zimmerdecke eines Krankenhauses. Oft erscheint es Meixner, Elfi sei mit diesem Lokal verwachsen. Es passt einfach zu ihr.
Elfi setzt sich gegenüber von Meixner. »Und, Herr Inspektor, sind wir wieder im Dienst? Verlier ich jetzt einen Stam