: Petra Gerster
: Vermintes Gelände – Wie der Krieg um Wörter unsere Gesellschaft verändert Die Folgen der Identitätspolitik
: Heyne Verlag
: 9783641285654
: 1
: CHF 3.60
:
: Gesellschaft
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Es herrscht Aufruhr. Fast alles, was bis vor kurzem als festgefügt, selbstverständlich und gesichert gegolten hat, wird infrage gestellt. Und hat Folgen: abgesetzte Operninszenierungen, mit Warnhinweisen versehene Filme, vom N-Wort bereinigte Bücher, gekündigte Redakteur*innen, Karikaturisten, Wissenschaftler*innen.
Moh enstraßen sollen nicht mehr so heißen, und dass es nur zwei Geschlechter gäbe, hat eigentlich nie gegolten und gilt erst recht nicht mehr, seit es Menschen gibt, die sich auch öffentlich zwischen Mann und Frau verorten und deshalb alsnon-binär definieren. Ein Buchstabenwurm, der einmal mitLGBT begonnen hat, ist inzwischen beiLGBTQIA* angelangt.
Die Diskussion über die sogenannte Identitätspolitik greift auf unseren Alltag über. Es formiert sich Protest dagegen, schon gegen dasGendern wird Sturm gelaufen. Konservative Kommentator*innen liefern die verbalen Knüppel dafür: »Sprachpolizei«, »Gedankenkontrolle«, »Cancel Culture«.
Die Gefahr ist: eine Herrschaft rigoroser Moralisten durch Tugendterror. Die Chance ist: eine Gesellschaft, die sensibler, achtsamer, reflektierter, rücksichtsvoller und toleranter mit sich und ihren Minderheiten umgeht.
Wir müssen uns entscheiden, jede*r einzelne wie als Gesellschaft insgesamt: Welche Haltung nehmen wir dazu ein?

Petra Gerster, Journalistin und erfolgreiche Buchautorin, wurde 1955 in Worms geboren und hat Slawistik und Germanistik studiert. Sie war Redakteurin beim »Kölner Stadt-Anzeiger« und Nachrichtenredakteurin beim WDR. Seit 1989 arbeitet sie für das ZDF: zunächst als Redakteurin und Moderatorin des Frauenjournals »Mona Lisa« und seit 1998 als Moderatorin der Sendung »heute«. Sie wurde mit einigen Preisen ausgezeichnet, unter anderem erhielt sie den Hanns-Joachim-Friedrichs-Prei für Fernsehjournalismus und die Goldene Kamera.

Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld.Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel

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Ich, die Gender-Terroristin

Zuerst hagelte es Beschwerden am Telefon. Dann kamen böse Mails, danach beleidigte Briefe mit der Post, und es hörte nicht auf. Wut, Enttäuschung, Frust schlugen mir entgegen, manchmal sogar Hass. Von alten und sehr alten Doktoren, Professoren und Adligen wurde ich streng belehrt, nicht selten heruntergeputzt wie ein Schulmädchen und ultimativ aufgefordert, endlich aufzuhören mit dem Terror.

Zuletzt erhielt ich auch noch Päckchen. Nein, nichts Ekliges oder Gefährliches drin. Nur Bücher. Bücher, die ich allein oder zusammen mit meinem Mann geschrieben hatte. Die aber mussten sich in den Regalen ihrer Besitzerinnen über Nacht in etwas Gefährliches oder Ekliges verwandelt haben. Darum mussten sie raus, zurück an mich.

Was war passiert? Nicht viel. Eigentlich fast nichts. Wenn ich in den Nachrichten von bestimmten Gruppen sprach, sagte ich nicht mehr, wie ganz früher: Lehrer, Schüler, Sportler, Hörer, Leser, Zuschauer. Auch nicht, wie früher und gelegentlich noch heute: Lehrer und Lehrerinnen, Leser und Leserinnen …

Sondern jetzt: Lehrer*innen, Leser*innen, Zuschauer*innen. Weil die Zeiten, in denen Männer draußen in der Welt ihrem Beruf nachgingen, während drinnen im Hause die züchtige Hausfrau waltete, schon sehr lange vorbei sind. Und weil die binäre Geschlechterordnung – entweder Mann oder Frau – nicht der Realität entspricht. Es gibt in Deutschland rund 2,5 Millionen Menschen, die sich weder mit dem Attribut weiblich noch männlich identifizieren.1 Sie bezeichnen sich selbst als »non-binär«, »divers« oder »Trans-Personen« und sagen, dass sie sich nicht angesprochen fühlen von »meine Damen und Herren« oder »Zuschauer und Zuschauerinnen«, von Zuschauer*innen aber schon.

Der Genderstern ist also ein Inklusionssymbol und Platzhalter. Wo immer er steht, steht er für Männer, Frauen und Diverse.

Deshalb »gendere« ich jetzt. Das ist ein Wort, das viele bis vor Kurzem noch nicht einmal in ihrem aktiven Wortschatz hatten. Nun aber sprechen sie schon routiniert von »Gender-Gaga«, »Sprachpolizei« und »Gedankenkontrolle«. Und ich bin jetzt so etwas wie eine Gender-Terroristin. Dagegen klingt die »feministische Zimtzicke«, wie ich früher einmal von einem berühmten, viel älteren Kollegen genannt worden war, schon fast wie eine Schmeichelei.

Nun also Terroristin. Wegen des Terror-Sternchens im geschriebenen Wort. Und wegen der Terror-Zehntelsekunde im gesprochenen Wort. So lange oder so kurz dauert schätzungsweise die kaum wahrnehmbare Sprechpause zwischen »Lehrer-« und »-innen«. Die gleiche Pause machen wir auch im Wort Bäcker-Innung und in vielen anderen deutschen Wörtern. Sie ist also im Grunde nichts Neues. Neu daran ist nur, dass diese kaum wahrnehmbare Pause jetzt halt auch gemacht wird, um inklusiv zu sprechen. Es ist ein Akt der Höflichkeit und des Respekts, weiter nichts.

Trotzdem muss ich mich unentwegt fragen lassen, ob ich Wörter wie »Pflegekräft*innen«, »Papierkörb*in«, »Mitglieder*innen«, »Christ*innenheit« oder »Bürger*innenmeister*innen« wirklich toll finde. Oder ob Mannheim jetzt in Mann*frauheim und der Herr Neumann in Neumann*frau umbenannt werden müsse? Ob ich Student*innen auch Student*innenfutter verabreichen wolle. Nein, will ich nicht, fordere ich nicht, fordert auch sonst niemand, soweit ich weiß. Und ich erkenne sie als das, was sie sind: Parade-Beispielwörter, die extra zu dem Zweck erfunden wurden, das geschlechtergerechte Sprechen lächerlich zu machen.

Das Problem vieler Gender-Gegner*innen