Wenige Stunden später
Ärgerlich sah Orla Kampmann zu ihrem Handy hinüber. Hell leuchtete dessen Display ihr vom Armaturenbrett entgegen und ließ sie wissen, dass Anastasia soeben aufgelegt hatte. Das undankbare Geschöpf wagte es, die eigene Mutter mit Kontaktabbruch zu strafen.
«Dann eben nicht.» Orla schaltete die Scheibenwischer ein und beobachtete, wie sich die feinen Tropfen kalten Nieselregens vor ihren Augen in verschwommene Streifen verwandelten. Das Licht der ihr entgegenkommenden Scheinwerfer verzerrte sich kurzfristig zu gelben Kometenschweifen, bevor es sich wieder zu zwei leuchtenden Punkten in der Ferne formte.
Sie hasste den November, das Fahren bei Dunkelheit und Letzteres ganz besonders, wenn ihre Brille zu Hause neben der Tageszeitung auf dem Küchentisch liegengeblieben war. Noch mehr verabscheute sie es allerdings, Streit mit der schon fast erwachsenen Anastasia zu haben.
Orla drehte den Hebel hinter dem Lenkrad, und die Scheibenwischer wechselten in die nächsthöhere Geschwindigkeit. Hatte sie beim letzten Check in der Werkstatt ihres Vertrauens nicht darum gebeten, die Wischblätter auszutauschen? Anscheinend nicht. Denn kurz bevor der entgegenkommende Transporter mit hoher Geschwindigkeit an ihr vorbeidonnerte und noch mehr Wasser auf ihre Windschutzscheibe wirbelte, wurde das Licht seiner Scheinwerfer ein weiteres Mal zu einer blendenden Corona verzerrt.
Sie unterdrückte einen Fluch, sah den weißen Van im Rückspiegel rasch kleiner werden und ließ ihr Handy noch einmal die Nummer ihrer uneinsichtigen Tochter wählen. Doch Anastasia nahm nicht mehr ab. Frustriert drehte Orla ihr Radio lauter, in dem ein bekannter Popsong lief.
Orla Kampmann war sechsundvierzig Jahre alt und lebte in dem Glauben, sich für ihr einziges Kind auf jede nur erdenklich Weise aufgeopfert zu haben. Nach der Geburt war die eigene Karriere von ihr hintangestellt worden, was, auch wenn diese ohnehin nicht vielversprechend gewesen war, im Nachhinein doch bedauerlich erschien.
Zwar hatte Orla die Jahre im Vorstand des Kindergartenfördervereins und hinterher auch den Sitz im Elternrat der Grundschule genossen. Doch später war ihr klargeworden, welcher Preis für die Rolle der perfekt organisierten Mutter gezahlt werden musste.