Die Dämmerung hing wie ein graues Tuch zwischen dem schroffen Gipfel der Gedererwand und dem im Norden himmelhoch aufragenden Wilden Kaiser.
Es hatte den ganzen Tag geregnet, auf der Höhe hatten sich auch noch Schneeflocken dazugesellt. Nun stiegen im Tal die Nebel, während am Berg die feuchte, milde Luft an den letzten verharschten Schneefeldern nagte. Mitten in den großen, weißen Flächen knisterte und knackte es geheimnisvoll.
Für die Gebirgler waren diese Geräusche nichts Ungewohntes. Im zeitigen Frühjahr gingen regelmäßig Lawinen ins Tal des Chiemgaus ab. Wer bergerfahren war, mied diese Abschnitte dann.
An diesem Märzabend bewegten sich drei Schatten über den Steig, der hinauf zur Gedererklamm führte. Sie verschmolzen mit der Dämmerung, während sie aufeinander zustrebten.
Der Himmel war nun klar, die letzten Wolken zogen nach Süden ab. Ein zunehmender Wind trieb sie eilig vor sich her und schuf so Platz für den vollen Mond, der gerade eben über den Horizont lugte. Sein silbernes Licht erhellte die Düsternis zwischen den steil abfallenden Felswänden und ließ die letzten Schneefelder wie Sternenstaub glitzern und flimmern.
Der Wind griff in die Äste der gedrungen gewachsenen Bergkiefern, bog sie und sorgte dafür, dass ein Geräusch entstand, das an leises, wehmütiges Seufzen erinnerte.
Die drei Schatten waren irgendwo zwischen Tal und Gipfel aufeinandergetroffen. Niemand sonst war an diesem Abend auf der Höhe unterwegs. Das Wetter war wechselhaft, und die ständige Gefahr abrupter Lawinenabgänge machte es riskant, wenn nicht sogar gefährlich, sich nun hier aufzuhalten.
Die Menschen aus Sonnweiler, dem Ort unterhalb des Steigs, wussten dies und beherzigten es. Die Schatten waren Fremde. Sie hatten eine bestimmte Absicht, es gab einen Grund, der sie eben zu dieser Stunde an jenen unwirtlichen Ort führte. Sie schienen Übles im Schilde zu führen, denn sie hatten für ihre Unternehmung nicht nur diesen menschenleeren Steig gewählt, sondern auch den Schutz der Dunkelheit.
In dieser Nacht sollte einer von ihnen zum Opfer werden, so hatten die beiden anderen entschieden. Der Dritte ahnte davon nichts. Und der Plan schien aufzugehen.
Zwischen den stillen Almen, auf denen das erste frische Grün des Frühlings zu sprießen begann, und dem feuchten, schroffen Fels der Gedererwand, an der das Schmelzwasser zu Tal floss, hallte ein Schrei durch die Stille. Irgendwo pfiff ein Murmeltier hoch und erregt. Es war ein Alarmruf, der seine Artgenossen warnen sollte.
Den Verlorenen, dessen Schicksal sich in der Düsternis dieser Frühlingsnacht erfüllen sollte, erreichte es nicht. Noch einmal schrie jemand. Heftiges Keuchen war zu hören, Geräusche wie von einem verzweifelten Kampf auf Leben und Tod, den nur einer gewinnen konnte.
Dann mischte sich, zunächst unterschwellig, ein tiefes Brummen in die unheimlichen Laute, die von einem unentdeckten Drama erzählten.
Das Brummen schien tief aus der Erde zu kommen. So, als hätte jemand in einer unterirdischen Höhle viele Basstrommeln aufgestellt. Ein langsames Schwingen und Vibrieren, das von der ganzen Erde oberhalb des Tals Besitz ergriff. Es wurde ganz allmählich lauter, stärker. Es schien von überallher zu kommen, erfüllte die Luft und schwoll noch weit