Kapitel 6
Als die Mädchen am Abend in ihren Betten lagen und mit Schwester Carmela das Nachtgebet gesprochen hatte, sagte diese: »Einige von euch haben heute mit Don Antonio die Geräusche des Frühlings geprobt.« Sie hielt einen Moment inne und lächelte dann. »Er hat der Mutter Oberin danach gesagt, dass ihr zwar alles sehr gut gemacht habt, dass es aber hilfreich wäre, wenn ihr den Frühling einmal kennenlernen würdet, um die Vogelstimmen, die rauschenden Bäche und das Säuseln des Windes noch viel besser nachzuahmen.«
Anna Maria setzte sich auf.
»Und jetzt haltet euch fest: Die Mutter Oberin hat zugestimmt, dass ihr alle in drei Tagen einen Ausflug auf die Insel Mazzorbo machen dürft!«
»Wir dürfen hinaus?«
»Mit einem Boot?«
»Wo liegt die Insel?«
»Ganz in der Nähe der Insel Burano«, sagte Schwester Carmela.
»Gibt es auf Mazzorbo Wiesen und Wälder?«
»Wilde Tiere?«
»Es gibt keine gefährlichen Tiere, die euch fressen könnten.« Die junge Nonne lächelte. »Aber vielleicht seht ihr einen Hasen oder einen Bussard.«
»Bekommen wir etwas zu essen?«
Schwester Carmela hob die Hand. »Die Mutter Oberin wird alles genau planen und uns in den nächsten beiden Tagen Bescheid geben, wann wir aufbrechen, wie viele Mädchen in ein Boot passen, was wir mitnehmen müssen, was es zu essen gibt und so weiter.«
»Kommst du auch mit?«, rief Faustina.
Die junge Nonne lächelte. Im Gegensatz zu den anderen Nonnen schien sie es zu mögen, wenn die Kinder sie duzten. »Natürlich komme ich mit. Und ihr könnt mir glauben: Ich freue mich mindestens genauso sehr auf unseren Ausflug wie ihr. Aber jetzt müsst ihr schlafen.« Sie löschte die Kerzen und schloss leise die Tür.
Kaum war sie draußen, brach reges Flüstern und Rascheln aus. Faustina schlüpfte bei Anna Maria unter die Bettdecke. »Ich kann es kaum glauben!«
»Ich auch nicht.« Anna Maria stützte sich auf einem Ellbogen auf. »Don Antonio schenkt uns tatsächlich einen Frühlingstag.«
»Ob er auch mitkommt?«
»Kann ich mir nicht vorstellen, aber wer weiß?«
Die Tür ging wieder auf, und Schwester Carmelas Stimme erklang: »Ihr Lieben, nicht so laut. Ihr wisst doch, dass ihr schlafen müsst.«
Daran war jedoch nicht zu denken. Anna Maria verspürte ein warmes Kribbeln im Bauch. Sie würde tatsächlich die Blumen riechen, die Bienen summen hören, die Vögel fliegen sehen und den Wind auf ihrer Haut spüren.
»Ich bin genauso aufgeregt wie vor dem Weihnachtsfest«, flüsterte Faustina.
»Ich auch. Eigentlich noch aufgeregter«, sagte Anna Maria. Denn obwohl sie jedes Jahr auf die Heilige Nacht mit den Hunderten von Kerzen und erhabenen Gesängen hin fieberte, war sie jetzt noch viel aufgewühlter. Ein Ausflug in die Natur!
Drei Tage später standen die Mädchen und drei Nonnen, darunter Schwester Carmela, vor dem Portal des Ospedale della Pietà.
Anna Maria wäre am liebsten vor Freude herumgehüpft, aber Schwester Teodora hatte bereits beim Frühstück unmissverständlich klargestellt, dass alle, die aus der Reihe tanzten, im Waisenhaus zurückbleiben mussten. Daher war Anna Maria ebenso wie die anderen Mädchen bemüht, ihre überschäumende Freude zu unterdrücken. Brav standen sie zu zweit nebeneinander, bis die Gondeln kamen.
Der Gondoliere ihres Bootes, ein braun gebrannter Jüngling mit makellos weißen Zähnen, reichte jedem Mädchen zum Einsteigen die Hand.
Anna Maria war es nicht geheuer, in dieses wackelige Gefährt zu steigen, doch der Gondoliere lachte, als sie zögerte, den alles entscheidenden Schritt ins Boot zu machen. »Wenn du erst einmal drin bist, gleiten wir über das Wasser wie die Schwäne, die du sicher manchmal schon vom Fenster aus gesehen hast. Nur Fliegen könnte schöner sein.«
Tatsächlich war es ein erhabenes Gefühl, über das Wasser zu gleiten. Anna Maria lehnte sich zurück und ließ sich die Morgensonne aufs Gesicht scheinen. Rechts und links säumten prachtvolle Palazzi den Kanal. Auf den Brücken standen Menschen und winkten.
Zaghaft winkte sie zurück. Vielleicht war dort oben ihre Mutter. Oder vielleicht da, auf der anderen Seite …
Der Gondoliere erklärte ihnen jedes Gebäude, an dem sie vorbeifuhren. Dort wohnte der ehemalige Doge mit seiner Familie. Hinter einem anderen Palazzo befand sich eine kunstvolle Skulptur im Innenhof, dort drüben war das Te