: Tereza Vanek
: Tanz bis ans Ende der Welt Roman | Ein berührender Roman um zwei Frauen in der Kabarett-Welt der 1920er Jahre in Berlin
: Piper Verlag
: 9783492987387
: 1
: CHF 5.40
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 540
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Zwei Welten, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Die goldenen 1920er Jahre und der Schrecken einer brutalen Diktatur. Eine schicksalshafte Geschichte über die Verbundenheit zweier Frauen und ihren Kampf für ein besseres Leben »Susan atmete die vom Regen reingewaschene Luft ein. Diese Stadt bestand aus riesengroßen grauen Gebäuden und wurde sehr häufig von schlechtem Wetter heimgesucht, aber sie versprach, ein Ort völlig ungeahnter Freiheit zu werden.« Die Berliner Cabarets in den 1920er Jahren - eine goldene, zügellose Welt, die zwei Frauen aus unterschiedlichen Welten magisch anzieht. Auch wenn Susan und Anna nur durch einen Zufall zusammengefunden haben, werden sie bald ein erfolgreiches Duo auf der Bühne. Sie genießen ihre Freiheit, bis sich über ihnen plötzlich die dunklen Wolken einer brutalen Diktatur zusammenbrauen. Ihr bisheriges Leben scheint nicht mehr möglich und sie müssen sich auf neue Wege begeben, um zu überleben. Vor allem Anna bangt um den Mann, an den sie ihr Herz verloren hat, denn er ist jüdischer Abstammung ... »Dieses Buch beleuchtet wichtige Epochen der deutschen Geschichte anhand persönlicher Schicksale. Ich fand es sehr berührend und kann es nur weiterempfehlen.«  ((Leserstimme auf Netgalley)) »Tereza Vaneks Schreibstil ist wieder einfühlsam und spannend.Sie versteht es wunderbar die verschiedenen Charaktere einzubinden. Ich war von diesem Werk wieder begeistert.«  ((Leserstimme auf Netgalley))  »Die Handlung nimmt nach einem langsamen Anfang rasant an Fahrt auf, die sich zum Ende hin rapide steigert. Ein äußerst spannendes Buch, das ein Stück weniger bekannte deutsche Geschichte aufzeigt.«  ((Leserstimme auf Netgalley)) 

Ich wurde 1966 in Prag geboren und zog drei Jahre später mit meinen Eltern nach München, wo ich nach dem Abitur Sprachen und Literatur studierte. Es stand für mich schon früh fest, dass ich Autorin werden wollte, da ich Bücher liebte und mir gern Geschichten ausdachte. Auch das Interesse an fernen Ländern und historischen Themen entwickelte ich bereits als Teenager. Beruflich war ich zunächst als Lehrerin und Übersetzerin sowie in einigen anderen Bereichen tätig. Dabei lebte ich auch einige Jahre im Ausland. Seit 2007 widme ich mich intensiv dem Schreiben sowie Reisen an die Schauplätze meiner Romane und auch dem Erlernen weiterer Sprachen, die für Recherchezwecke nützlich sind.

1. Kapitel


Frankfurt, Juni 1966

»Das sieht Anna wieder mal ähnlich, uns warten zu lassen«, sagte der Vater und entkorkte die Flasche Chianti. »Ich schlage vor, wir fangen jetzt mit dem Essen an. Warum sollten wir wegen meiner unzuverlässigen Schwester hungern?«

Klarissa warf einen Blick zur Uhr. Tatsächlich war es schon halb acht, und die Feier hätte um sieben beginnen sollen. Tante Anna wusste, wie viel Wert ihr Bruder auf Pünktlichkeit legte. Manchmal machte sie Witze darüber. Lothar würde von den Toten auferstehen und den Bestattern eine Standpauke halten, wenn der Leichenwagen sich zehn Minuten verspätete. Bei Familienfeiern gab sie sich normalerweise Mühe, seinen Ansprüchen gerecht zu werden, damit nicht gleich schlechte Stimmung aufkam.

»Vielleicht wurde sie aus beruflichen Gründen aufgehalten«, wandte Klarissa ein. »Sie wollte vorgestern aus Italien zurückkommen, wo sie neue Stoffe eingekauft hat.«

Geschäftliche Verpflichtungen wären eine Entschuldigung, die der Vater gelten lassen würde. Es bestand also Hoffnung, dass der Abend friedlich losgehen könnte. Wenn Tante Anna nur endlich eintraf! Klarissa wippte unter dem Tisch mit dem Fuß und trat unbeabsichtigt gegen ein Bein.

»Warum bist du denn so unruhig?«, fragte die Mutter vorwurfsvoll.

Klarissa entschuldigte sich, ohne eine Erklärung abzugeben.

Sie wartete seit gestern auf einen Anruf von ihrer Tante, die als Erste die große Neuigkeit hätte erfahren sollen. Zweimal hatte sie schon bei deren Sekretärin nachgefragt und war abgewimmelt worden. Anna Heyden sei aus beruflichen Gründen noch in Florenz.

Klarissa ahnte, dass es vor allem private Gründe waren. Anna hatte seit mehreren Jahren eine Liebschaft mit einem Italiener namens Massimo, der aus familiären Gründen nicht nach Deutschland umziehen wollte. Daher verbrachte sie so viel Zeit wie möglich bei ihm.

»Wenn Anna noch länger in Italien bleiben will, können wir doch getrost ohne sie essen«, wandte die Mutter schließlich ein. Dann begann sie, den Braten, Knödel und Sauerkraut auf die Teller zu verteilen.

Klarissa bedankte sich höflich, als sie ihre Portion erhielt, und zerschnitt das Fleisch in kleine Stücke. Wenn sie nichts aß, würde ihre Mutter sich gekränkt fühlen.

Die Enttäuschung war wie ein Geschwür, das ihr den Appetit verdarb. Dieser Abend, auf den sie sich seit zwei Wochen gefreut hatte, drohte völlig unplanmäßig zu verlaufen. Sie hatte ihre Tante neben sich haben wollen, wenn sie die große Neuigkeit verkündete. Niemand sonst würde verstehen, was es für Klarissa bedeutete, sich ihren Traum erfüllen zu können. Außerdem wollte sie Unterstützung haben, falls, wie befürchtet, nicht alle mit ihrem Entschluss einverstanden waren. Aber nun war Anna Heyden nicht hier.

Klarissa würgte ein paar Bratenstücke hinunter, um die Stimmung nicht zu verderben. Es sollte nicht an ihr liegen, wenn nicht jeder die Geburtstagsfeier ihres Vaters in guter Erinnerung behielt.

Zunächst verlief alles recht friedlich. Der Vater redete mit Klarissas Bruder Paul über dessen letztes Schulzeugnis, das nicht wie erwünscht ausgefallen war. Die Mutter hielt sich raus, musterte nur immer wieder Klarissa, als missfalle ihr irgendetwas an der Tochter. An dem Kleid konnte es nicht liegen, es war dunkel und schlicht, so wie Margarete Heyden sich selbst kleidete.

»Hast du schon irgendwelche Bewerbungen geschrieben?«, kam es schließlich, nachdem das Dessert aus der Küche geholt worden war. »Bei deinem guten Abitur hast du sicher bei vielen Firmen Chancen.«

Klarissa starrte auf ihre Nachspeise. Schokoladenpudding mit Kirschen mochte sie gern. Nun fühlte sie sich in der Lage, mit der erwünschten Begeisterung zu essen, doch zunächst musste sie die Frage beantworten. »Ich werde im September in München das Studium der Medizin beginnen«, erzählte sie ihrer Familie und hob das nun zum zweiten Mal aufgefüllte Weinglas. Vielleicht würden jetzt alle erfreut mit ihr anstoßen. Dann wäre alles so, wie sie es sich gewünscht hatte, nur dass Tante Anna fehlte.

Hoffnungsvoll betrachtete sie ein Gesicht nach dem anderen. Der Bruder grinste, ihr Vater sah völlig verblüfft aus, und die Mutter machte eine steinerne Miene. Alle schwiegen, als hätte ein Fluch ihnen die Sprachfähigkeit geraubt.

»Wer soll das denn bezahlen?«, fragte der Vater schließlich und räusperte sich. »Hast du dir darüber schon Gedanken gemacht?«

»Ich kann mir eine Nebentätigkeit suchen«, erwiderte Klarissa, denn auf diese Frage war sie vorbereitet gewesen. Ihr Vater hatte eine gute Stellung im Vorstand einer Firma, aber für das schöne Haus hatte er einen Kredit aufgenommen. »Außerdem hat Tante Anna … Also sie meinte, sie könne mich unterstützen, falls es nötig sei«, fügte sie daher hinzu. Mit einem leisen Seufzer lehnte sie sich zurück. Mit der Tante an ihrer Seite wäre es leichter gewesen, aber nun hatte sie es auch allein geschafft. Falls ein Sturm losgehen sollte, würde sie einfach ausharren, bis er sich wieder gelegt hatte.

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