CLOSE MY EYES
Zwölf Cops waren nötig, meinen Bruder und meinen Vater zu trennen. Die mächtigen Männer waren ineinander verknotet wie ein wüster Hurrikan, der tosend ins Wohnzimmer krachte. Von jetzt auf gleich waren alle vertrauten Dinge aus meinem Sichtfeld verschwunden – Fenster, Fußboden, Möbel, Licht. Alles, was ich sehen konnte, war diese wild um sich schlagende Masse aus dunklen Uniformen, riesigen, fest zupackenden Händen und fliegenden Fäusten, Gliedmaßen, die sich von anderen losrissen, schweren, schwarz glänzenden Schuhen, die über den Boden schlurften und stampften. Hier und da blitzte etwas in dem finsteren Wirbel auf: Knöpfe, Abzeichen und Pistolen, die in abgegriffenen Lederholstern an breiten schwarzen Gürteln um massige Hüften geschnallt waren oder steif zwischen Handteller und Daumen herausragten. Chaos erfüllte die Luft, Flüche, schwerer Atem und Schmerzensschreie. Das gesamte Haus schien zu wanken. Und irgendwo im Auge dieses Sturms waren die beiden wichtigsten Männer in meinem Leben und zerstörten sich gegenseitig.
Ich habe mir die Wut meines Bruders immer wie eine Naturgewalt vorgestellt – wuchtig, zerstörerisch und unvorhersehbar. Ich weiß nicht, ob der Auslöser für seine Explosivität ein bestimmter Vorfall oder eine Art Krankheit war, doch ich habe ihn nie anders gekannt.
Das kleine Mädchen, das ich damals war, hatte nur sehr wenige Erinnerungen an einen großen, beschützenden Bruder. Ich hatte eher das Gefühl, mich vor ihm schützen zu müssen, und manchmal sogar meine Mutter.
Dieser Streit zwischen meinem Bruder und meinem Vater war schneller eskaliert als üblich. Innerhalb von Sekunden verwandelte sich ihr Geschrei in einen Tornado aus Fäusten, der durch das Zimmer fegte, Möbel umwarf und eine Spur der Zerstörung hinter sich herzog. Die beiden waren von Wahn und Raserei gepackt, und niemand hätte es gewagt dazwischenzugehen.
Schon als Kleinkind hatte ich einen Instinkt entwickelt, der mich vor aufziehender Gewalt warnte. So wie ich Regen riechen konnte, erkannte ich auch an der Stimmlage schreiender Erwachsener, wann ich in Deckung gehen sollte. Verlor mein Bruder die Beherrschung, schlug er auch mal Löcher in die Wand oder warf Gegenstände durch die Gegend. Ich wusste nie genau, wie oder warum ein Streit begann, doch ich wusste, wann Spannungen zu einer Auseinandersetzung wurden und wann eine solche handgreiflich wurde. Und mein Warnsystem sagte für diese Differenzen geradezu epische Ausmaße voraus.
Nana Reese war bei uns, was eigentlich komisch war, denn sie oder andere Verwandte meines Vaters kamen nur selten aus Harlem zu Besuch. Wir wohnten damals in Melville, einer überwiegend weißen, recht wohlhabenden Gegend im Suffolk County auf Long Island, New York, doch im Laufe meiner Kindheit zogen wir insgesamt dreizehnmal um. Dreizehnmal packten wir all unsere Habseligkeiten zusammen und suchten uns ein neues Zuhause – oder besser gesagt: suchten uns ein Zuhause, das sicherer sein sollte als das vorherige. Dreizehn Neuanfänge, dreizehn neue Straßen mit neuen Häusern voller Menschen, die uns misstrauisch beäugten und sich fragten, wo und wer wohl unser Vater sei. Dreizehn Gelegenheiten, als unwürdig abgestempelt und ausgeschlossen zu werden.
Pastorin Nana Reese, der Good Reverend Roscoe Reese und ihre African Methodist Pentecostal Church, das war der Hintergrund meines Vaters. Roy war der einzige Sohn von Addie, Nana Reeses Schwester. Mein Vater lebte nie mit seinem Vater zusammen, zwischen den beiden lag immer eine tiefe Schlucht, ein Mysterium, das unweigerlich ein Martyrium in sich barg. Diese Menschen in dem Dörfchen Harlem waren seine Familie. Sie waren aus Alabama, North Carolina und anderen Teilen des Südens hochgekommen und hatten ihre Traditionen, Traumata und Talente mitgebracht – einige davon uralt, afrikanisch und mystischen Ursprungs.
Nana Reese und ich fanden uns, kurz bevor die Hölle richtig losbrach. Das Donnergrollen von Flüchen, Fäusten und Füßen übertönte alle anderen Geräusche, deshalb bekam ich nicht mit, als die Cops hereinstürmten.
Ich wusste nicht, ob sie uns helfen oder umbringen würden. Zwei Schwarze, gewalttätige Männer auf Long Island in den Siebzigern – da trafen Polizei und Hilfe selten in derselben Person ein. Im Gegenteil, Gewaltausbrüche wurden durch die Anwesenheit der Polizei meist nur verkompliziert und verschärft. Das hat sich bis heute nicht geändert, doch damals wurde ich zum ersten Mal damit konfrontiert. Ich hatte noch keinerlei Erfahrung, die mir in dieser Situation hilfreich gewesen wäre; tatsächlich hatte ich gar nichts, was mir irgendwie hilfreich gewesen wäre. M