: Nicci French
: Ein dunkler Abgrund Thriller
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641241193
: 1
: CHF 8.90
:
: Spannung
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der atemlos spannende Thriller der Bestsellerautoren: Tess ist sicher, dass ihre kleine Tochter ein schreckliches Verbrechen beobachtet hat. Doch wer glaubt schon einem Kind …

Ihre dreijährige Tochter ist für Tess das Wichtigste auf der Welt. Doch seit der Trennung von Poppys Vater kann sie nicht mehr ständig in ihrer Nähe sein, um auf sie achtzugeben. Als sie eines Tages unter all den bunten, fröhlichen Kinderzeichnungen ein Bild aus schwarzer Kreide findet – eine Zeichnung so simpel und brutal, dass Tess sie nicht verstehen kann – da ist sie sicher, dass Poppy während des Wochenendes beim Vater etwas Furchtbares mitansehen musste. Niemand will ihr glauben, denn handelt es sich nicht bloß um die Krakelei eines Kindes? Doch eine Mutter kennt ihre Tochter. Und Tess wird die Wahrheit herausfinden. Ihre Suche führt sie in ungeahnte dunkle Abgründe, und bald ist nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr, sondern auch das ihres Kindes …

»Nicci French – das ist einfach immer wieder eine Garantie für spannende Unterhaltung.« hr4

Hinter dem Namen Nicci French verbirgt sich das Ehepaar Nicci Gerrard und Sean French. Seit langem sorgen sie mit ihren höchst erfolgreichen Psychothrillern international für Furore. Sie leben im Süden Englands.

1


Es heißt, man kann im Traum nicht sterben, aber gestern Nacht kam es mir doch so vor. Ich stürzte in die Tiefe, so wie sie, und erst kurz bevor ich auf dem Asphalt aufschlug – dunkel rauschte er mir entgegen –, wachte ich auf, keuchend und schweißgebadet. Ich hatte es nicht überstanden. Es ging wieder los.

Ich versuchte, ans Meer zu denken, ruhiges Wasser, blauen Himmel, einen Wald, wo der Wind sanft durchs Laub strich. Es funktionierte nicht.

Ich war wach, aber gleichzeitig noch in meinem Traum. Ich war wieder da, wo alles anfing.

Ich saß in einem Café am Fenster, nicht weit vom Broadway Market. Da ich früh dran war, sah ich Jason und Poppy, bevor sie mich sahen. Einen kurzen Moment schien es mir, als hätte sich nichts verändert. Poppy ritt auf Jasons Schultern, hielt sich dabei an seinen Ohren fest und riss vor Vergnügen den Mund auf, während ihr prächtiges rotes Haar wie eine Fahne im leichten Wind wehte: der Vater mit seiner kleinen Tochter, auf dem Weg zur wartenden Mutter.

Obwohl ich direkt von Aidan kam und mich an diesem wunderbar warmen Maitag nach meinem Fußmarsch zum Café so richtig lebendig fühlte, erfüllt von Hoffnung, Begehren, Erregung und der freudigen Ahnung, dass das Leben gerade neu anfing, empfand ich in dem Moment einen Anflug von Traurigkeit. Poppy war so klein, so verletzlich und vertrauensvoll. Und wir beide, Jason und ich, hatten ihr das angetan – ihre Welt entzweigerissen. Doch gemeinsam würden wir dafür sorgen, dass alles wieder besser wurde.

Ich beobachtete, wie sie näher kamen. Jason hielt Poppy an den Beinen fest, damit sie sicher saß, und machte den Eindruck, als würde er singen. Er besaß eine schöne Stimme. Unter der Dusche hatte er immer laut gesungen. Wahrscheinlich tat er das nach wie vor.

Als sie am Fenster vorbeigingen und er mich entdeckte, bedachte er mich mit jenem vertrauten, komischen halben Lächeln, als gäbe es zwischen uns einen privaten Scherz, den nur wir beide verstanden, wie damals in unserer Anfangszeit. Er stellte Poppys kleine Tasche für die Übernachtung auf den Gehsteig, damit er sie hochstemmen und anschließend auf dem Boden absetzen konnte. Poppy deutete aufgeregt in meine Richtung und presste dann das Gesicht gegen die Scheibe, sodass ihre Nase platt gedrückt wurde und ihr Atem das Glas beschlagen ließ. »Mummy«, sagte sie lautlos.

Ich stand auf und ging ihr entgegen. An der Tür nahm ich sie in den Arm, und sie schmiegte das Gesicht an meine Schulter. Sie roch nach Sägemehl und Baumharz. Ich war davon ausgegangen, dass Jason gleich wieder aufbrechen würde, doch er bestellte Kaffee für sich und heiße Schokolade für Poppy, und wir ließen uns alle drei am Tisch nieder. Während Poppy sich auf meinen Schoß kuschelte, betrachtete ich Jason mit leichtem Unbehagen. Ich war immer sehr darauf bedacht, jegliches Wetteifern um ihre Zuneigung zu vermeiden. Aber er lächelte nur.

Jason sah nach wie vor gut aus, auch wenn sein ordentlich getrimmter Bart erste graue Sprenkel aufwies und seine Figur kompakter wirkte. Inzwischen war er ein erwachsener Mann, Schuldirektor, jemand von Rang und Namen, aber ich konnte noch immer den jungen Mann erkennen, in den ich mich verliebt hatt