: Gudrun Güth
: Finn MacFool wird Finn MacCool
: Papierfresserchens MTM-Verlag
: 9783960744924
: 1
: CHF 7.10
:
: Kinderbücher bis 11 Jahre
: German
: 130
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'We n du so weiter machst, Finn, bleibst du sitzen.' Und Finn saß. Er saß von Freitag bis Samstag in seinem Klassenraum. Das Leben war schwer: Es ist schwer, wenn man für dumm, für Finn MacFool, gehalten wird. Wenn die Schulnoten grottenschlecht sind. Wenn man kolkrabenschwarz ist. Wenn der eigene Vater irgendwo, nur nicht bei seiner Familie ist. Wenn die Mutter einen neuen Freund und Gallensteine hat. Wenn Finn keinen Hund haben darf. Wenn Mehmet ihn Popelfresser nennt. Wenn sich Emily doch nicht in ihn verliebt. Aber dann wird plötzlich manches besser. Finn schreibt einen tollen Aufsatz und ein Gedicht. Er holt sich den Hund Bille aus dem Tierheim und wandert mit Bille am Kanal entlang, um seinen Vater in Sibirien zu suchen, kommt allerdings nicht ganz so weit. Dafür trifft er einen Tramp im Bauwagen und bekommt einen Brief von seinem Vater ... aus Irland! Dahin reist Finn in den Sommerferien. Es gibt tatsächlich ein Wiedersehen und einige Abenteuer mit Siobhán, einer Art Schwester. Auch Finn verändert sich: Aus Finn MacFool wird Finn MacCool.

Gudrun Güth: 1950 in Hagen/Westfalen geboren, Abitur 1968, danach Studium der Anglstik und Romanistik an der Ruhr-Universität Bochum und 1/2 Jahr an der University of Bristol/England; Promotion mit einer Dissertation über 'Typen des englischen Arbeiterromans'. Lehrerausbildung, dann 8 Jahre Lehrerin am Gymnasium Herten, 3 Jahre an der deutschen Schule Brüssel, danach an der Gesamtschule Waltrop - von 1998 bis 2013 Fachleiterin für Englisch in der Lehrerausbildung - seit 2013 im Ruhestand. Verheiratet, 1 Sohn Wohnt in Waltrop Literarisches Schaffen in den Sparten Lyrik, Erzählungen und Roman. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Einige Lyrikveröffentlichungen im Rundfunk (WDR/NDR), mehrere Literaturpreise, u.a. 1. Preis für die Kindergeschichte 'Sitzen bleiben' der Literaturzeitschrift 'erostepost' Salzburg 2010 Ehrenamtliche Tätigkeit für die Neue Literarische Gesellschaft Recklinghausen als Jurorin zur Auslobung der 'Literatureule' (Literaturwettbewerb) und für den Kulturpott Ruhr. Durchführung eines Schreibworkshops an der Gesamtschule Waltrop, Kooperation mit bildenden Künstlern, z.B. mit Ilse Hilpert und dem Atelierhaus Recklinghausen

*

Sitzen bleiben


„Wenn du so weiter machst, Finn, bleibst du sitzen.“

Finn schreckte auf.

„Du hast dir das selbst zuzuschreiben. Ich werde das deinen Eltern per Brief mitteilen.“

Finn saß.

Und er saß noch, als seine Mitschüler schon längst die Klasse verlassen hatten. Es war Freitag.

Wieso sollte er sitzen bleiben? Alle anderen gingen nach Hause. Aber seine Mutter würde sowieso nicht auf ihn warten. Freitags arbeitete sie bis sieben. Wann wohl der Brief ankam? Wenn Frau Dörr ihn heute noch einwarf, würde es mindestens bis Montag, Dienstag dauern. Und was sollte er an sich selbst schreiben?

Lieber Finn ...

Er schaute sich im Klassenraum um. Die Sonne schien durch dreckige Scheiben. Er kniff die Augen zusammen. Die Tafel war auch dreckig. Vielleicht sollte er sie putzen. Aber er musste ja sitzen bleiben.

An der Wand hingen ihre Igelbilder. Er mochte seins. Frau Dörr gefiel es überhaupt nicht. Sie hatte seine Mutter zum Gespräch bestellt.

„Wieso?“, hatte Mama gesagt. „Diese dunklen, wirren Stacheln machen den Igel doch expressiv.“

Finn kannte das Wort nicht. Es klang gut.Exwar immer gut. Express, extrem, extra large, Excel. Auf allen anderen Bildern saß der Igel auf grüner Wiese. Bei ihm nicht. Die Straße war schwarz. Der Himmel war schwarz. So war das eben. Es gab schließlich Sommergewitter. Dann wurde der Himmel richtig dunkel. Bei Regen glänzte die Straße schwarz. Warum kapierte die Dörr das nicht?

Emily hatte ihr Etui auf dem Tisch vergessen. Finn griff sich das Mäppchen. Sie besaß einen blau-silbernen Füller. Er schraubte ihn auf.

Lieber Finn ...

Du must jezt bis mohntag hir sizen. Irgentwie stinklangweilich.

Er schrieb in seiner Sonntagsausgehschrift. Schließlich musste er seinen Brief auch lesen können.

Nuhr die Igel sint hir. Mein Igel leuft aus dem Bilt. Er komt zu mir auf den Schohs. Wenn er die Stacheln anlehcht streichel ich ihn. Er ist gantz weich. Er heist Igor.

Weil er aus Ruslant komt wo Papa jezt ahbaitet. Mein Ex-Papa.

Finn hatte Hunger. Sein Frühstücksbrot hatte er schon in der ersten Pause gegessen. Auch den Apfel. Freitags gab es genauso wie donnerstagmittags nichts. Höchstens eine Fünf-Minuten-Terrine oder was zum Aufwärmen.

„Aber das Wochenende gehört uns“, sagte Mama immer. Doch dann war sie meist müde und er war trotzdem allein.

Lieber Finn,

ich mus jezt schlus machen. Mir fellt nichts mer ein.

Dein Finn

Mit Emilys Buntstiften malte er den transsibirischen Express. Ex-Papa schaute aus dem Fenster. Er trug eine Fellmütze und sah gar nicht mehr böse aus.

Am besten blieb er brav sitzen, damit Ex-Papa nicht schimpfte. Wenn Ex-Papa schimpfte, flogen die Fetzen. Papa hatte schon einmal einen Teller geworfen. Vielleicht, weil Mama so schwarz war. Und Finn auch.

Finn legte die Arme und den Kopf auf den Tisch. Er schlief ein. Er angelte Omuls und Fettfische im Baikalsee, briet sie auf offenem Feuer. Er hatte Fellstiefel an. Igor saß neben ihm und grunzte. Ex-Papa preschte auf einem schwarzen Pferd vorbei, winkte ihm zu und verschwand dann in einer Staubwolke.

Finn reckte sich. Er hatte mehr als eine ganze Stunde geschlafen. Die Micky Maus-Uhr stand auf drei.Eins, zwei, drei, ich ess’ nicht gerne Brei. Vier, fünf, sechs, ich mache einen Klecks.

Er presste die Patrone leer. Der Ti