: J. Ryan Stradal
: Die Bierkönigin von Minnesota
: Diogenes
: 9783257610192
: 2
: CHF 15.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 432
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Diana ist Waise und lebt bei ihrer Großmutter. Neben der Schule bessert sie das Familieneinkommen durch gelegentliche Diebstähle auf. Als sie erwischt wird, ist die Strafe das Geschenk ihres Lebens: Sie darf ihre Schulden in einer Brauerei abarbeiten. Bald mischt Diana den Markt mit einzigartigen Craft-Bieren auf. Ein Lied auf das Leben und ein Roman über mutige Frauen.

J. Ryan Stradal, geboren 1975, wuchs in Hastings, Minnesota, auf. Er studierte Film, Fernsehen und Radio an der Northwestern University. Er ist Lektor, Redakteur und Produzent von Fernsehserien. Seine Romane ?Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens? und ?Die Bierkönigin von Minnesota? waren ?New York Times?-Bestseller. J. Ryan Stradal lebt in Los Angeles, Kalifornien.

Edith,2003

Es war der5. Juli2003, und bisher war Edith Magnussons Tag gar nicht so übel verlaufen. Sie hatte gerade einen Erdbeer-Rhabarber-Pie aus dem Ofen geholt, hatte das Fenster geöffnet und war nun auf der Suche nach ihrem Lieblingsgeschirrtuch, als sie auf der weißen Zierleiste des Fensters einen Grashüpfer sitzen sah. Seit sie die Farm ihrer Eltern verlassen hatte, war so ein Anblick etwas Besonderes, und die Vorstellung, dass ein Vogel herabstürzen und ihn sich schnappen konnte, gefiel ihr gar nicht, also griff sie sich einen Holzlöffel und stupste das merkwürdige, friedliche Insekt sacht mit dem Stiel an. Wie gehofft, rettete es sich mit einem Sprung in den Garten. Sie atmete auf. Während Edith den Holzlöffel wusch und wegräumte, fragte sie sich, ob der Grashüpfer endlich einmal gesehen werden und sich nicht immer nur seiner Umgebung anpassen wollte, und fühlte sich prompt schlecht, weil sie ihn dabei gestört hatte. Edith hatte noch nie eine Auszeit von ihrer Umgebung genommen. Aber andererseits hatte sie auch noch nie das Bedürfnis danach verspürt. Hier lief es einigermaßen anständig, und wegen Dingen zu jammern, die sie nicht ändern konnte, lag ihr nicht, besonders in einer Welt, in der Nörgler nicht gerade händeringend gesucht wurden.

Sie hatte in New Stockholm, im Herzen Minnesotas, einen guten Job im Pflegeheim St. Anthony-Waterside, sechs Blocks von ihrem kleinen Dreizimmer-Haus entfernt. Edith hatte ihren Mann, Stanley, der sich momentan in Peterbilt, irgendwo in South Dakota, aufhielt. Sie hatte einen erwachsenen Sohn, Eugene, der gerade als unabhängiger Vertreter bei einer interessanten Firma namens Life Well angefangen hatte, die offenbar hochwertige Haushaltswaren direkt an Privatkunden verkaufte. Zudem hatte sie eine erwachsene Tochter, Colleen, die studiert hatte und trotz ihres Studienabbruchs recht gut klarkam. Colleen hatte einen Handwerker namens Mark geheiratet, ein freundlicher Mann, selbst wenn er nicht in die Kirche ging. Sie zogen Ediths einziges Enkelkind auf, ein intelligentes, aufgewecktes Mädchen, das Diana hieß und inzwischen tatsächlich fast schon ein Teenager war.

Sie wüsste nicht, was ein Mensch sonst im Leben noch brauchen sollte. Sie vermisste die Farm, auf der sie groß geworden war, das schon, vermisste ihre Eltern aus dem einen und ihre Schwester aus einem anderen Grund, doch es hatte keinen Sinn, Menschen oder Dingen aus der Vergangenheit nachzutrauern.

Edith war erst vierundsechzig Jahre alt, doch wenn sie hier und jetzt sterben würde, hätte sie die wichtigst