Thomas Moosbacher zog den warmen, wollenen Janker über und verließ das Haus. Ein eisiger Nordwind blies ihm ins Gesicht, feiner Schnee wehte ihn an und schien mit tausend kleinen Nadeln in die Haut zu piksen.
Der Bauer Anfang dreißig senkte den Kopf, sein dichtes, dunkles Haar, das ein wenig lockig und stets widerspenstig war, wehte im Winterwind.
Es ging auf fünf Uhr zu, doch vom neuen Morgen war noch längst nichts zu merken. Jetzt, Mitte Februar, ging die Sonne erst in ein paar Stunden auf. Und Wärme würde sie kaum bringen.
Der Winter hatte den kleinen Flecken Burghausen im Werdenfelser Land fest im Griff. Heuer war er besonders streng. Es war keine Seltenheit, dass die Temperaturen in der Nacht im zweistelligen Minusbereich landeten. Das Leben wurde beschwerlich, denn der Schnee türmte sich auf den Wegen. Manch einer beschwerte sich über die hohen Heizkosten und sehnte den Frühling herbei.
Auf dem Moosbacher-Hof war das Holzlager gut gefüllt, der große Kachelofen in der guten Stube spendete behagliche Wärme. Das traditionsreiche Anwesen war bereits seit mehreren Generationen im Besitz der Familie. Thomas hatte den Hof vor fünf Jahren übernommen. Damals war sein Vater überraschend an einem Infarkt verstorben.
Hier gab es keine materiellen Sorgen, denn der Bauer war tüchtig und fleißig. Glücklich war Thomas Moosbacher allerdings nicht. Doch das hatte andere Gründe.
Nun öffnete der junge Mann die Stalltür und trat ein. Drinnen herrschte eine angenehme Wärme. Das weiß-bunte Milchvieh, das für die Region typisch war, verbrachte nur den Winter im Stall.
Im Frühjahr ging es hinaus auf die Weiden, ein Teil wurde auch zur Krameralm hinauf getrieben, um über Sommer besonders würzige und hochwertige Milch zu geben. Die wurde dann vom alten Franz, der sich auch auf die Arbeit eines Senns verstand, zu Käse verarbeitet. Der Altknecht lebte und arbeitete nun bereits über vierzig Jahre auf dem Erbhof.
Er hatte die Geburt von Thomas und seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Christian miterlebt, und er hätte viel über die Familie Moosbacher erzählen können, wäre er nicht so verschwiegen und treu gewesen. Auch wenn er am Wochenende gerne mal im Wirtshaus eine Maß trank, kam doch nie ein schlechtes Wort über seinen Brotherrn aus seinem Mund. Er stand treu zu Thomas, den er heimlich so lieb hatte wie einen eigenen Sohn.
Als der Bauer nun in die Box trat, in der eine hochträchtige Kuh sich mit dem Kalben schwertat, blickte Franz überrascht auf.
»Mei, Bauer, du hättest net extra so früh aufstehen müssen. Hast schließlich noch genug anderes zu tun. Ich kümmere mich schon um die Milli und ruf den Viehdoktor, wenn es losgeht«, meinte der Alte und rieb sich über sein wettergegerbtes Gesicht.
Franz war früher ein Baum von einem Mann gewesen. Mit den Jahren war er ein wenig schmächtig geworden und konnte nicht mehr so schaffen wie einst. Doch vom Ruhestand wollte er nichts wissen. Er konnte sich mit dem Gedanken, die Hände in den Schoß zu legen, einfach nicht anfreunden.
»Ist schon recht, ich konnte eh nimmer schlafen«, wehrte Thomas ab. Er setzte sich neben Franz auf einen Hocker und betrachtete die Kuh. »Noch keine Veränderung?«
»Sie hat angefangen zu schwitzen, aber das Blaserl ist noch zu«, erstattete Franz Bericht.
»Na gut, dann kannst du jetzt schlafen gehen.