Prolog
Prolog
Nova
Manchmal frage ich mich, ob man Erinnerungen, mit denen man nichts zu tun haben will, nicht einfach blockieren kann: die Bilder wegsperren, den Schmerz betäuben, der mit dem verbunden ist, was man gesehen hat und nicht sehen wollte. Und das so lange, bis die Person, die man einmal war, selbst nur noch eine schwache Erinnerung ist.
So habe ich nicht immer gedacht. Früher war ich voller Hoffnung, voller Leben, glaubte an Sachen. Zum Beispiel an das, was mein Vater mir erzählte: Wenn ich irgendwas nur fest genug will, kann ich dafür sorgen, dass es geschieht.
»Keiner sonst kann Dinge für dich geschehen lassen, Nova«, sagte er zu mir, als wir auf dem Hügel in unserem Garten lagen und hinauf zu den Sternen blickten. Da war ich sechs Jahre alt, glücklich und ein bisschen naiv. Und ich verschlang seine Worte wie Zuckerwürfel. »Aber wenn du etwas wirklich willst und bereit bist, hart daran zu arbeiten, dann ist alles möglich.«
»Alles«, wiederholte ich und sah zu ihm. »Sogar wenn ich eine Prinzessin sein will?«
Er lächelte in die Dunkelheit, ja, er wirkte richtig glücklich. »Sogar eine Prinzessin.«
Ich grinste, blickte wieder zum Himmel und dachte, wie wunderbar es wäre, ein Diamantendiadem im Haar und ein glitzerndes rosa Kleid mit passendenSchuhen zu tragen. Ich würde im Kreis herumwirbeln und lachen, während sich mein Kleid um mich herum aufbauscht. Keine Sekunde dachte ich daran, was es wirklich bedeutet, eine Prinzessin zu sein, oder wie unmöglich es war, dass ich tatsächlich eine werden könnte.
»Erde an Nova.« Mein Freund, Landon Evans, wedelt mit seiner Hand vor meinem Gesicht.
Ich blinzle, löse meinen Blick von den Sternen und neige den Kopf zur Seite, sodass ich in Landons Augen sehe. »Was?«
Er lacht, doch es sieht unnatürlich aus, als gehörte es nicht in sein Gesicht. Was allerdings normal für Landon ist.
Er ist Künstler und hat mir erklärt, dass er den Schmerz nur in seine Porträts bringen kann, wenn er ihn immerzu in sich herumträgt. »Du warst eben völlig weggetreten.« Das Licht auf der Vorderveranda brennt, und in dem Neonschein haben seine honigbraunen Augen dieselbe Farbe wie seine Zeichenkohle.
Ich rolle mich auf die Seite und schiebe beide Hände unter meinen Kopf, sodass ich Landon richtig ansehen kann. »Entschuldige, ich war nur in Gedanken.«
»Du hast diesen Blick, als wärst du sehr tief in Gedanken.« Er stützt seitlich einen Ellbogen auf, lehnt den Kopf in seine Hand, und sein pechschwarzes Haar fällt ihm in die Augen. »Möchtest du darüber reden?«
Ich schüttle den Kopf. »Nein, mir ist eigentlich nicht nach Reden.«
Er schenkt mir ein albernes, aber echtes Lächeln, und alles Traurige in meinem Kopf löst sich vorübergehend auf. Das ist eines der Dinge, die ich an Landon liebe. Er ist der einzige Mensch auf der Welt, der mich zum Lächeln bringen kann. Besser gesagt: der Einzige außer meinem Dad, doch der lebt nicht mehr, und deshalb lächle ich eher selten.
Landon und ich waren bis vor ungefähr einem halben Jahr beste Freunde, und vielleicht kann er mich deshalb so glücklich machen. Wir waren uns schon nahe und verstanden einander, bevor das Küssen und die Hormone ins Spiel kamen. Klar, wir sind erst achtzehn und noch nicht mal mit der Highschool fertig, aber manchmal, wenn ich alleine in meinem Zimmer bin, kann ich mir uns beide in einigen Jahren vorstellen, immer noch verliebt, vielleicht sogar verheiratet. Das ist er