Ich dachte immer, dass alles in meinem Leben damit zusammenhängt, welche Möglichkeiten sich mir auftun, welche Türen ich dabei öffne und welche ich verschlossen lasse. Im entscheidendsten Moment meines Lebens beschloss ich etwas, das sich für mich gut anfühlte. Es war vielleicht nicht der einfachste Weg, den ich damit beschritt, wohl aber der realistischste.
Viele kennen mich als Julieta, aber bevor ich mehr von mir erzähle, möchte ich preisgeben, dass dies nicht mein wahrer Name ist.
Beim Frühstück las ich einmal in einer Illustrierten ohne Angabe des Autors, dass es einen sogenannten unsichtbaren roten Faden zwischen zwei bestimmten Menschen geben soll, der sie verbindet, bis sie einander begegnen. Diese Idee fand ich töricht und überlegte: Man sagt ja, dass jeder Mensch eine verwandte Seele habe, eine sogenannte Zwillingsseele, als wäre man die Hälfte einer Orange oder einer Zitrone, je nach Geschmack. Eine Hälfte könnte in Los Angeles leben, die andere in Chipiona, Südspanien. Wie könnten sie einander begegnen? Also eine unglaubwürdige Theorie, wie mir schien. Aber stellt euch vor, ich hatte mich geirrt. Manchmal sind die Dinge einfacher als gedacht und Kausalitäten existieren wirklich.
Ich dachte immer, dass Leute, die solche Bücher anonym veröffentlichen, es nur machen, um sich dabei gut zu fühlen und um von Tausenden gelesen zu werden. Für mich waren es Feiglinge. Damals glaubte ich, die Liebe sei nur eine Form, sich gehen zu lassen. Über viele Jahre mit demselben Partner zu schlafen war üblich, also konnte es wohl nicht so schwer sein, schließlich lebten meine Eltern nach diesem Prinzip. Zu beobachten, wie mein Vater noch immer zärtlich den Hintern meiner Mutter berührte, so oft sich ihm die Gelegenheit dazu bot, bedeutete damals für mich, dass dies die Norm sei. Liebevoller Umgang, über Jahrzehnte hinweg, musste wohl so leicht zu leben sein, wie gehen und essen. Alles in allem bestand meine Reaktion auf das Thema Liebe darin, meinen Impulsen zu folgen und täglich die Bettwäsche zu wechseln.
Heute staune ich, wenn ich an das Kind denke, welches ich damals mit zweiundzwanzig Jahren noch war. Nicht nur mein Denken war das eines Kindes, auch mein Körper. Bei einer Körpergröße von 1,57 Meter wog ich vierzig Kilogramm und meine Brüste waren winzig, kaum größer als die Nippel selbst. Manchmal überlegte ich mir, eine Brustvergrößerung machen zu lassen, doch als ich auf YouTube mit eigenen Augen sah, was dabei geschieht, verging mir diese Dummheit schnell wieder. Aber das sind Geschichten, die ich hier nicht weiter ausführen werde. Ich dachte nur, dass euch vielleicht interessiert, welche Art von Mädchen ich war, bevor ich beginne, über meinen Weg zu erzählen, um den es in diesem Buch geht. Damals trug ich lange Haare mit vielen knallroten Strähnchen. Zwar zählte ich nicht zu jenen, die ständig mit ihrer Frisur herumexperimentierten, aber wie es oft vorkommt, kompensierte auch ich so manchen Frust mit dem Gang zum Friseur, um mir Dinge machen zu lassen, die ich bei guter Stimmung so bestimmt niemals gewollt oder gewagt hätte. Jedenfalls ruinierte ich meine schönen, glatten brünetten Haare mit diesen Strähnchen.
Ich hatte immer das Gefühl, mein Erscheinungsbild ließe mich noch dünner wirken, als ich ohnehin war: lange Haare, große braune Augen mit langen Wimpern und buschigen Brauen. Mein Freund betonte immer, dass er mich wunderschön fände, egal wie ich mein Äußeres präsentierte.