: Klaus Schlagmann
: Die Narzissmus-Lüge Über den Missbrauch eines emanzipatorischen Mythos
: R.G. Fischer Verlag
: 9783830118732
: 1
: CHF 13.50
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: Angewandte Psychologie
: German
: 178
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Narziss symbolisiert zwei Arten, an sozialen Beziehungen zu leiden: Dem 16-Jährigen stirbt plötzlich seine geliebte Zwillingsschwester. Daraufhin versucht er verzweifelt, sein Spiegelbild im Wasser festzuhalten. Dasselbe bei den Eltern, die er - ebenso vergeblich - in seinem Abbild für immer fest­halten möchte. Hingegen weist er die erotische Aufdring­lich­keit einer geistlosen Nymphe und zweier Kerle strikt ab. Daraufhin drangsalieren ihn diese drei mit psychischer oder physischer Gewalt. Die psychologische Wissenschaft missversteht seit über hundert Jahren den bedauernswerten, selbstbewussten Narziss. Sie attestiert ihm das, was seine Widersacher auszeichnet: rücksichtslose Ego­zentrik. Der in großer Ver­wirrung geschöpfte Begriff Narzissmus transportiert eine geradezu systematische Opfer-Täter-Umkehr. In einer Art Rückkoppelung festigt dieses moderne Konzept heute das alte Missverstehen des Mythos: Internationale Fachleute attestieren dem Jüngling - dem Konzept entsprechend - allen Ernstes diverse Verfehlungen. Seine Trauer sei depressiv. Er, das Stalking-Opfer, sei beziehungsunfähig und schuld am Leid der abgewiesenen Verehrer­Innen. Ein in Wikipedia erfundener Fake-Mythos, der Narziss zur Witzfigur herabwürdigt, wird unkritisch übernommen. Gegen diese Schändung antiken Kulturgutes und ihren ideologischen Hinter­grund erhebt der Autor Einspruch.

Klaus Schlagmann, Jahrgang 1960, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut, arbeitet als Verhaltenstherapeut in Saarbrücken. Seit 1993 ist er in eigener Praxis tätig, ausgebildet in katathym-imaginativer Psychotherapie, Ver­haltenstherapie, NLP, Hypnose und Psych-Analyse nach Josef Breuer. Seit 25 Jahren forscht er zur Geschichte der Psychoanalyse, unter anderem zum Gegen­stand von Sigmund Freuds ausführlichster Literaturbetrachtung: der Novelle Gradiva und ihrem Autor, Wilhelm Jensen. Mit Unter­stützung der Nachfahren des Dichters konnte er 2012 drei Briefe Freuds an Jensen, die zuvor als verschollen galten, erstmals publizieren. Den psychoanalytisch diffamierten Jensen, Freund von Emanuel Geibel, Theodor Storm, Wilhelm Raabe, Paul Heyse und vielen anderen, rückt er in ein ganz neues Licht. Genauso würdigt er den wahren Gehalt ur-demo­kratischen antiken griechischen Kulturguts, ­beispielsweise im Drama von König Ödipus oder Antigone und im Mythos von Narziss.

NARZISSMUS


Narzissmus soll so etwas bedeuten wie Selbstgefälligkeit, Rücksichtslosigkeit, egozentrische und beziehungsunfähige Eigenliebe. Dieser Begriff für unschöne Eigenschaften hat eine über hundertjährige Geschichte und ist offenbar tief in das öffentliche Bewusstsein eingedrungen. Aus Psycho-Ratgebern ist er nicht mehr wegzudenken. Google-Suchen erbringen millionenfache Treffer. Viele Menschen halten ihn für tiefgründig und aufklärerisch.

Abgeleitet ist dieses Wort von einem griechischen Mythos, der von dem attraktiven Jüngling Narziss erzählt. Als er sein Spiegelbild in einer Quelle entdeckt, versucht er verzweifelt, es festzuhalten. Dabei stirbt er am Ende. Aus seinem Blut geht die hübsche Narzisse hervor.

Wie kommt es nun, dass aus solch einer Geschichte der Name für ein so hässliches Verhaltensmuster abgeleitet wird? Was genau erzählt dieser Mythos? Wie ist dieses WortNarzissmus konkret entstanden? Was soll es bedeuten,narzisstisch zu sein? Ist Narziss selbstnarzisstisch?

Die (fiktive) Gestalt des Narziss

Die antiken Quellen erzählen, dass der schöne Narziss einerseits am Verlust und Tod geliebter Angehöriger leidet. Andererseits erlebt der 16-Jährige, dass zwei Kerle und eine hohle Nymphe ihm eine erotische Beziehung aufdrängen möchten. Und weil sich Narziss auf diese drei nicht einlässt, üben sie seelische und körperliche Gewalt auf ihn aus. Das ist die Geschichte von Narziss in ihren zwei wesentlichen Facetten. Sein Schicksal illustriert, wie manan sozialen Beziehungen leiden kann. Der Jüngling selbst ist dabei ein völlig gesunder, sympathischer, selbstbewusster junger Mann.

Die Erfindung des BegriffesNarcismus

Havelock Ellis und Paul Näcke: Der englische Privatgelehrte und Sexualforscher Havelock Ellis prägt 1898 den Begriff»narzissähnliche Tendenz«, abgeleitet daraus, dass Narziss so gebannt sein Spiegelbild betrachtet. Aus dieser Anregung wiederum schöpft der deutsche Psychiater Paul Näcke 1899 den Begriff»Narcismus«. Es ist dabei keineswegs identisch, was diese beiden Männer beschreiben möchten. Sie halten immerhin die jeweils gemeinten Phänomene für sehr selten und grenzen sie klar von Homosexualität ab.

Sigmund Freud und seine Verwirrungskunst: Dann