„Lisa! Kind, wo bleibst du?“
Der milde Südtiroler Wind trug die sanften, aber bestimmten Worte ihrer Mutter durch das offene Fenster ins Badezimmer bis an ihr Ohr.
Begleitet wurden sie von Idefix’ erwartungsvollem Gekläffe. Der fröhliche, unternehmungslustige Norwich Terrier hatte sich vor vielen Jahren in ihre Seele geschlichen. Seither war das Waudile mit seinem weizenfarbigen drahtigen Haar, das sich wie eine Mähne um sein vorwitziges Köpfchen, die warmen Augen und die keck aufrecht stehenden Öhrchen formte, als wichtiges Mitglied der Familie Moroder nicht mehr wegzudenken. Das kleine Kerlchen war verspielt, aber auch sehr begabt, vor allem wenn es darum ging, sich zur richtigen Zeit genau dort aufzuhalten, wo seine ausgeprägte Neugierde gestillt werden konnte. Seinen Namen verdankte er Obelix’ Weggefährten, in den sich Lisa schon als kleines Mädchen verliebt hatte. Tatsächlich waren die beiden sich sehr ähnlich.
Lisa stand unter der Dusche und hatte gerade den Wasserhahn zugedreht. Vom Hof schallten Stimmen zu ihr hinauf, die sie nicht zuordnen konnte. Sonst war es ruhig. Idefix hatte es aufgegeben, nach ihr zu rufen. Ihre niedliche Stupsnase kräuselte sich und für einen kurzen Moment blitzte die Spitze der rosigen Zunge zwischen ihren schmalen Lippen auf.
„Gönn mir ein paar Minuten, Mama, bitte“, rief sie in Gedanken hinunter. Es lag ein anstrengender Arbeitstag hinter ihr. Nur noch für einen Moment wollte sie dem wohligen Gefühl nachspüren, das das heiße Wasser auf ihrer Haut hinterlassen hatte.
„Kind!“ Der Tonfall der Mutter verriet, dass ihre Geduld kurz davor war, sich zu verabschieden.
Ein tiefer Seufzer rutschte aus Lisas Kehle. Sie schob den transparenten, mit bunten Tupfen übersäten Vorhang zur Seite, kletterte aus der Wanne und rubbelte sich trocken. Der sinnliche Duft von Vanille und Kokosnuss stieg ihr in die Nase.
Ihre Haut liebte es, verwöhnt zu werden, denn bei der täglichen Arbeit draußen im Weinberg, wo sie nicht nur Sonne und Wärme ausgesetzt war, sondern auch Kälte, Wind und Regen, litt sie oft fürchterlich. Ihre Haut verstand es, Lisa darauf aufmerksam zu machen, wenn sie vernachlässigt wurde – mit einem unangenehmen Spannungsgefühl zum Beispiel, Kratzern, Schürfwunden, rauen Stellen und Juckreiz. Manchmal rebellierte sie gar mit Blutergüssen in den unterschiedlichsten Formen und Farben.
Lisa kümmerte sich natürlich um ihr Äußeres, nur standen der Gutshof mit seiner Weinkellerei, der Vinothek und die Arbeit in ihrem zwanzig Hektaren großen Traubenland an erster Stelle. Da war kein Platz für Schickimicki, Wimperntusche, Lippenstift und Nagellack. In ihrem Kleiderschrank befanden sich fast nur bequeme Klamotten und anstelle von Stöckelschuhen dekorierten Gummistiefel oder Slipper ihre feingliedrigen Füße, wenn sie nicht gerade barfuß unterwegs war.
Trotzdem widmete sie sich ihrer Haut sorgsam, sobald diese um Hilfe rief, und das wäre heute eigentlich dringend notwendig gewesen.
„Kind! Muss ich dir eine schriftliche Einladung schicken?“ Bedrohlich kämpfte sich die Stimme ihrer Mutter durch den Schleier feuchtschwüler Luft, der Lisa trotz des geöffneten Fensters zart umhüllte.
„Du sollst mich nicht immer Kind nennen, Mama!“, konterte sie lautstark. Dabei beobachtete sie ihr Spiegelbild, das die Augen verdrehte und angestrengt versuchte, weitere Kommentare hinunterzus