Kapitel 1
»Steffen! Verdammt, du kleines Aas, was hast du jetzt wieder angestellt?«
Ich stand mitten in der hell erleuchteten Scheune und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Mein liebevoll gedeckter Tisch, an dem wir in weniger als einer Stunde mit unseren Freunden sitzen und Endas und meinen Geburtstag feiern wollten, war grausam verstümmelt worden. Steffen, das schwer erziehbare Shetlandpony meines Freundes, hatte kurzen Prozess mit der Deko und – viel schlimmer – dem Stangenweißbrot gemacht, das ich in einem Moment der Gedankenlosigkeit aus den Augen gelassen hatte, ohne vorher nachzusehen, ob der Unruhestifter sicher in seiner Box eingesperrt war. Jetzt kannte ich die Antwort.
Steffen kaute unterdessen voller Begeisterung an einem ganzen Baguette, behielt mich aber wohlweislich im Auge. Als ich mich ihm näherte, vollführte er einen Blitzstart und galoppierte mit dem Brot im Maul davon. Aber so leicht ließ ich ihn nicht entwischen. Wenn ich dich in die Finger kriege, dachte ich verbissen, während ich ihn im Zickzack durch die ganze Scheune verfolgte, dann mache ich Steffen-Fondue aus dir!
»Was ist denn hier los?« Enda stand auf der Schwelle zum Durchgang, der die Scheune vom Wohnhaus trennte, und starrte entgeistert auf die Szene, die sich ihm bot.
»Hilf mir, das kleine Mistvieh einzufangen«, fauchte ich über die Schulter und versuchte erfolglos, Steffen den Weg abzuschneiden. Er schlug Haken wie ein Hase. »Sonst hat er gleich ein ernsthaftes Problem mit mir …«
Enda verzog das Gesicht, als wolle er sich kaputtlachen, sah dann aber ein, dass er besser daran tat, sein freches Pony zur Räson zu bringen. Er stieß einen scharfen Pfiff aus, woraufhin Steffen eine Kehrtwendung machte und zu seinem Herrn und Meister trabte. Um mich schlug er dabei einen großen Bogen. Enda hielt ihn am Halfter fest und wand ihm die Baguettestange aus dem Maul, die fast so lang war wie das Pony selbst. Anschließend verfrachtete er den Übeltäter in seine Box.
»Hm, das Brot ist hin«, befand er, hielt mir den traurigen Rest des Baguettes unter die Nase und sah mich an. Und dann platzten wir los. Ich konnte mit niemandem so lachen wie mit Enda. Vielleicht war das einer der Gründe, warum ich mich ihm so verbunden fühlte.
Er legte mir den Arm um die Schultern und drückte mich an sich. »Tut mir leid«, entschuldigte er sich und küsste mich aufs Haar. »Ich hätte daran denken müssen, ihn festzusetzen, bevor wir hier alles aufgebaut haben. Dummer Fehler.«
»Ach, was soll’s. Ich habe es ja auch vergessen. Wenn das Brot nicht reicht, essen wir eben mehr Chili.«
Ich hatte einen großen Topf Chili sin Carne für unsere Gäste gekocht, der wahrscheinlich für eine ganze Fußballmannschaft reichte, obwohl wir nur acht Leute sein würden. Sin Carne deshalb, weil ich und mittlerweile auch Enda vegan lebten. Außerdem gab es Glühwein – jede Menge Glühwein. Schließlich hatten wir Anfang Januar, und nachts herrschten zweistellige Minusgrade. Was wäre eine Scheunenparty bei diesem Wetter ohne heiße alkoholische Getränke?
Da von Steffen keine Gefahr mehr ausging, brachte ich rasch den Tisch in Ordnung, klaubte die Brotstangen, die unversehrt geblieben waren, vom Boden auf und drapierte Decken auf den Bänken. Dann eilte ich zurück ins Haus, um mich umzuziehen und zu schminken, auch wenn ich sowieso nur in Thermohose und mehreren dicken Pullis herumlaufen würde. Aber trotzdem, Party blieb Party. Ich war am Vortag fünfunddreißig geworden und somit exakt einen Tag lang genauso alt wie Enda, in dessen Geburtstag wir heute hineinfeiern wollten. Die Idee, eine rustikale Scheunenfete zu veranstalten, war uns spontan gekommen, als uns auffiel, dass wir in diesem Jahr an einem Wochenende Geburtstag hatten – ich am Freitag, er am Sonntag.
Die ersten Gäste, die eintrafen, waren Annika und Sean. Mein Chef und guter Freund hatte bereits angekündigt, dass er früh wieder gehen musste, weil er seinen Pub nicht allzu lange »ohne Aufsicht« lassen wollte. Eigentlich vertrat ihn einer seiner Brüder für einige Stunden, aber Sean vertraute nicht jedem und schon gar nicht seinem jüngsten Bruder. Noch dazu war Samstagabend, an dem normalerweise der höchste Umsatz der Woche generiert wurde. Da wollte Sean, Kontrollfreak, der er war, nichts dem Zufall überlassen.
Annika, meine Freundin und A