: Susan Hill
: Schattenrisse Auftritt für Inspector Serrailler
: Kampa Verlag
: 9783311701767
: Ein Fall für Inspector Serrailler
: 1
: CHF 13.50
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 560
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Im englischen Städtchen Lafferton scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Bis zu dem Morgen, als eine Frau spurlos im Nebel verschwindet. Die Polizei möchte den Fall schnell zu den Akten legen, nur die junge Ermittlerin Freya Graffham hat ein ungutes Gefühl bei der Sache. Zusammen mit ihrer heimlichen Liebe, dem gleichermaßen schöngeistigen wie rätselhaften Polizeichef Simon Serrailler, macht sie sich an die Ermittlungen. Dann verschwinden weitere Menschen und ein Hund. Ihre Spuren verlieren sich auf dem mysteriösen Hügel mit den »Hexensteinen«. Während Freya Graffham noch fieberhaft versucht, eine Verbindung zwischen den Vermissten herzustellen, gerät sie plötzlich selbst in Gefahr. Kann Inspector Simon Serrailler den Fall lösen, bevor das nächste Unglück geschieht?

Susan Hill wurde 1942 in Yorkshire geboren. Ihre Geistergeschichten und die Kriminalromane um Simon Serrailler haben sie zu einer der populärsten britischen Schriftstellerinnen gemacht. Ihr Gothic-Roman Die Frau in Schwarz läuft als Theateradaption seit über dreißig Jahren im Londoner West End und wurde 2012 erfolgreich mit Daniel Radcliffe in der Hauptrolle verfilmt. Für ihre Romane, Erzählungen und Jugendbücher wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Somerset Maugham Award, und zum Commander of the British Empire ernannt. Susan Hill lebt in Norfolk in einem alten Bauernhaus, in dem in jedem Winkel Bücher stehen, die im Winter gut isolieren. 

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Ein Donnerstagmorgen im Dezember. Halb sieben. Immer noch dunkel. Neblig. So war es den ganzen Herbst über gewesen, mild, feucht, bedrückend.

Angela Randall fürchtete sich nicht vor der Dunkelheit, aber zu dieser trostlosen Uhrzeit und am Ende einer schwierigen Nachtschicht durch die dicke Nebelsuppe heimzufahren, war anstrengend. Im Stadtzentrum waren bereits Menschen auf den Beinen, doch die wenigen Lichter wirkten wie ferne, flauschige kleine Inseln aus Bernstein, deren Glühen weder Licht noch Trost spendete.

Sie fuhr langsam. Am meisten fürchtete sie sich vor Radfahrern, die plötzlich vor ihr auftauchten, aus der Dunkelheit oder dem Nebel, für gewöhnlich ohne reflektierende Streifen an der Kleidung, oftmals sogar ohne Licht. Sie war eine recht gute, aber keine selbstsichere Fahrerin. Die Angst, nicht so sehr vor dem Zusammenstoß mit einem anderen Auto, sondern davor, einen Fahrradfahrer oder Fußgänger zu überfahren, war immer gegenwärtig. Sie hatte allen Mut zusammennehmen müssen, um überhaupt Fahren zu lernen. Manchmal dachte sie, es sei das Mutigste, dass ihr je abverlangt werden würde. Sie wusste, wie viel Entsetzen und Schock und Trauer ein tödlicher Autounfall bei den Hinterbliebenen auslöste. Immer noch hörte sie das Klopfen an der Haustür, sah die Polizeihelme durch die Milchglasscheibe.

Damals war sie fünfzehn gewesen. Jetzt war sie dreiundfünfzig. Es fiel ihr schwer, sich an ihre Mutter als lebendigen Menschen zu erinnern, gesund und glücklich, denn die Bilder wurden für immer von diesen anderen überlagert – das so sehr geliebte Gesicht, zerschlagen und zusammengeflickt, und der kleine, flache Körper unter dem Laken im kalten, blau-weißen Licht der Leichenhalle. Niemand sonst hatte Elsa Randall identifizieren können. Angela war ihre nächste Angehörige. Sie hatten eine Einheit gebildet, waren einander alles gewesen. Angelas Vater war gestorben, als sie ein Jahr alt war. Sie hatte kein Foto von ihm. Keine Erinnerung.

Mit fünfzehn war sie plötzlich auf niederschmetternde Weise vollkommen allein gewesen, hatte aber in den folgenden vierzig Jahren gelernt, das Beste daraus zu machen. Keine Eltern, Geschwister, Tanten oder Cousinen. Die Vorstellung einer Großfamilie war ihr völlig fremd.

Bis vor Kurzem hatte sie geglaubt, sie käme nicht nur sehr gut mit dem Alleinleben zurecht, sondern wolle es auch nie mehr anders haben. Für sie war es ein natürlicher Zustand. Sie hatte wenig Freunde, mochte ihre Arbeit, hatte ein Fernstudium absolviert und gerade mit einem zweiten begonnen. Vor allem segnete sie den Tag vor zwölf Jahren, als es ihr endlich gelungen war, aus Bevham wegzuziehen und mit ihrem Ersparten, zusammen mit dem Erlös aus dem Verkauf ihrer Wohnung, das kleine Haus im zwanzig Meilen entfernten Lafferton zu kaufen.

Lafferton war genau das Richtige für sie. Der Ort war klein, aber nicht zu klein, hatte breite, begrünte Straßen, ein paar hübsche viktorianische Reihenhäuser und im Kathedralenhof schöne georgianische Häuser. Die Kathedrale selbst war prachtvoll – Angela nahm von Zeit zu Zeit am Gottesdienst teil –, und es gab gute Geschäfte, gemütliche Cafés. Ihre Mutter hätte außerdem gesagt, mit diesem komischen, steifen kleinen Lächeln, dass Lafferton »eine angenehm gehobene Einwohnerschicht« habe.

Angela Randall fühlte sich wohl in Lafferton, angekommen, zu Hause. Sicher. Als sie sich im Frühling dieses Jahres verliebt hatte, war sie zuerst verwirrt gewesen, ein Neuling auf dem Gebiet dieser überwältigenden, alles verzehrenden Gefühle, war aber rasch zu der Überzeugung gelangt, dass ihr Umzug nach Lafferton Teil eines Plans war, der zu diesem Höhepunkt f