: Annett Kupfer, Sandra Wesenberg, Silke Birgitta Gahleitner, Frank Nestmann
: Beratung und Psychotherapie Aktuelle Entwicklungen im Spannungsfeld von Abgrenzung und fruchtbarer Kooperation
: dgvt Verlag
: 9783871594519
: 1
: CHF 9.90
:
: Psychologie
: German
: 108
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Verhältnis von Beratung und Psychotherapie ist ein konzeptionell, praktisch und professionspolitisch schwieriges. Neben vielen Überschneidungen lassen sich jeweils eigenständige Identitäten identifizieren. In dem vorliegenden Band werden die Unterschiede wie auch Gemeinsamkeiten von Beratung und Psychotherapie grundlegend ausdifferenziert. Auf diese Weise regt das Buch ein Verhältnis von Beratung und Psychotherapie an, das gedeihliche Vernetzung und Kooperation in Hinsicht auf Aufgaben, Settings und Vorgehensweisen von Beratung und Psychotherapie anschaulich erläutert und in der Praxis ermöglicht.

Das Verhältnis von Psychotherapie und Beratung – herrschende Vorstellungen


Zum Verhältnis von Beratung und Psychotherapie existieren seit Langem implizite Vorstellungen bzw. explizite Positionen im psychosozialen Feld und Gesundheitsbereich, in den Fachdisziplinen und in der Öffentlichkeit. Absolute Kongruenz wird dort angenommen, wo die Begriffe wechselseitig genutzt werden oder so renommierte Autor*innen wie Carl Rogers (1942) und andere explizit formulieren, es gebe keinen Unterschied zwischen Beratung/Counselling und Psychotherapie/Psychotherapy (Überblick u. a. Patterson, 1986; Cooper& McLeod, 2011; aktuell z. B. Feltham& Hanley, 2017; s. o.). Das mag einerseits am Modell einer grundsätzlich stark psychologisch und therapeutisch geprägten Beratung (counselling) in England liegen, andererseits aber auch Folge eines breiteren psychosozial angelegten Verständnisses von Beratung (counseling) in den USA sein (Zwicker-Pelzer, 2010; Nestmann, 2004/2014; Schubert, Rohr& Zwicker-Pelzer, 2019). Tatsächlich arbeiteten zentrale Mitbegründer*innen psychotherapeutischer Schulen zahlreich u. a. in Familienberatungsstellen, Kinder- und Jugendberatungssettings. Selbst Sigmund Freuds Psychoanalyse gewann im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in pädagogischen Kreisen mehr Einfluss als in der Psychiatrie, sodass sich „das pädagogische Denken untrennbar mit dem neuen tiefenpsychologischen“ (du Bois& Ide-Schwarz, 2001, S. 1425) verband. Genährt werden diese Vorstellungen seit Längerem auch durch psychotherapeutische Zusatzausbildungen, die spätestens seit den 1970er-Jahren zur beruflichen Qualifikation vieler Berater*innen in den unterschiedlichsten Bereichen gehörten und gehören und die zu Einstellungsvoraussetzungen vieler Beratungsträger und -dienste wurden (vgl. Abbildung 1a).

Abbildung 1

Im Gegensatz dazu gibt es die Haltung, psychosoziale Beratung und Psychotherapie seien grundsätzlich undtrennscharf verschieden – zwei eindeutig unterscheidbare professionelle Interventionsformen und Versorgungssphären, in sich geschlossen, voneinander abzugrenzen in ihrer Theorie und Praxis (vgl. Abbildung 1b). Die aktuellen Entwicklungen entlang der Psychotherapiegesetzesnovelle haben diese Fokussierung vorangetrieben. Der psychotherapeutische Professionalisierungsschub durch das Psychotherapeutengesetz 1998 (PThG) und die inzwischen beschlossene zugehörige Gesetzesnovelle (PsychThGAusbRefG) wurden mit einer Distanzierung der Psychotherapie vom ‚Rest‘ des psychosozialen Feldes erkauft. Psychotherapie ist gesetzlich dem Gesundheitssystem zugehörig und über etablierte Diagnoseschlüssel und zugeordnete Therapiestundendeputate sowie über Berichts- und Antragswesen der Versicherungsträger institutionalisiert (Engel, Nestmann& Sickendiek, 2004/2014; Großmaß, 2007b; Nußbeck, 2019). Sie fokussiert die Behandlung von Menschen mit (eher schweren) Erlebens- und Verhaltensstörungen sowie abweichendem Verhalten‘, die sie vom ‚Kranksein‘ ‚heilt‘ (vgl. Peavy, 2006; Martin, 1977), so die Theorie. Es wird noch zu diskutieren sein, inwiefern dies die Realität in der aktuellen Versorgungslandschaft widerspiegelt.

Eine weitere, häufig im deutschsprachigen Raum dominierende, meist unreflektierte, aber ausformulierte Vorstellung von Beratung ist jene als