1 Träumerei und Wirklichkeit
Felix saß am Tisch, die Wange in die linke Hand gestützt, und zeichnete gedankenverloren mit dem Bleistift auf seinem Block. Auf dem karierten Blatt entstand das Lebewesen, das er heute Nacht im Traum gesehen hatte: Eine lang gezogene Schnauze endete in einer breiten Augen- und Stirnpartie. Das Gesicht war beschuppt, wie der Rest des Körpers, der im Verhältnis zum Kopf fast zu massig wirkte. Der Eindruck verstärkte sich noch durch die Rückenzacken, die die gesamte Länge bis zur Schwanzspitze überzogen. Für die Beine und Klauen nahm Felix sich besonders viel Zeit. Sie mussten kräftig genug sein, um den Drachenkörper tragen zu können. Die Flügel lagen an den Seiten. Felix malte sogar die Matschflecken, die er im Traum deutlich darauf hatte erkennen können. Zu dumm, er erinnerte sich zwar exakt an diesen Drachen – was genau er von ihm geträumt hatte, fiel ihm jedoch nicht mehr ein.
»Ein Drache?« Die erboste Stimme von Frau Walser neben ihm riss Felix aus seiner Versunkenheit. Er sah hoch, direkt in das Gesicht der Englischlehrerin. Einige seiner Mitschüler lachten.
»Echt jetzt? Ein Drache?«, flüsterte jemand weiter vorn. Am Bein spürte er das Knie seiner Zwillingsschwester Friederike. Wahrscheinlich hatte sie versucht, ihn aus seinem Tagtraum zu reißen.
»Nun, Felix, wenn du deine Zeit unbedingt mit Fantasiewesen verbringen möchtest, anstatt die unregelmäßigen Verben zu üben, werde ich dir den Gefallen tun.«
»Ähm …« Das konnte nichts Gutes bedeuten.
Rike neben ihm seufzte.
»Du schreibst mir einen Aufsatz über das Ungeheuer von Loch Ness.«
»Was hat das denn mit …«
Rike stieß ihn in die Seite, er klappte den Mund zu und nickte ergeben.
»Und zwar bis morgen, wenn ich bitten darf.«
»Frau Walser, wir sind heute Nachmittag mit der Bio-AG im Zoo«, wandte Rike ein. »Das wird knapp.«
Die Lehrerin runzelte die Stirn, zögerte, dann nickte sie. »Nun gut. Bis übermorgen also, Felix. Mindestens drei Seiten. Du kannst dich nicht immer in deine Fantasiewelten flüchten. Wann begreifst du das endlich?«
Felix verdrehte die Augen. Seine Eltern hielten ihm ständig vor, er würde aus der Wirklichkeit fliehen. Nur, weil er in jeder freien Minute Bücher verschlang. Das war Quatsch. Sie sollten froh sein, dass er gern las. Gerade seine Mutter müsste ihn verstehen! Sie liebte ihren Job in der Bibliothek der Saar-Universität und schwärmte immer von dem Geruch der Bücher.
Den Rest der Stunde riss Felix sich zusammen. Einen weiteren Tadel wollte er sich heute nicht mehr einfangen. Dazu brauchte er gar nicht erst nach seiner Schwester zu sehen, die ihm mit ihren Blicken anscheinend tausend Dinge sagen wollte.
Felix mochte Rike wirklich. Immerhin hatten sie sich schon den Platz in Mamas Bauch geteilt. So was schweißt zusammen. Aber manchmal war sie schwer zu ertragen. Friederike war ein Musterkind. Sie lernte leicht und schnell, arbeitete gern im Unterricht mit und fand noch Zeit, sich in allen möglichen AGs zu engagieren. Egal, ob Schulzeitung, Sanitätsdienst oder Bio-AG. Zur Bio-AG hatte sie Felix mitgeschleppt. Da hatte sie leichtes Spiel gehabt, weil die Gruppe regelmäßig zum Neunkircher Zoo fuhr und dort bei allem half, was anfiel. Ställe ausmisten, Futter verteilen und solche Sachen. Felix liebte das.
»Den Aufsatz hast du dir selbst eingebrockt. Na ja, das Gute daran ist, dass du dabei was lernst.« Die Sätze sagte Rike, während sie zu Hause die Fahrräder in die Garage schoben. Felix sparte sich eine Antwort.
Mama war diese Woche über Mittag zu