Giovanni Accardo
„Lissy! Lissy!“
Der da ruft, beinahe schreit, ist Vincenzo. Er ist zwischen Dominikanerplatz und Waltherplatz unterwegs, mit der unvermeidlichen grauen „coppola“, der typischen sizilianischen Mütze auf dem Kopf und dem Schal, der ihm fast bis zum Kinn reicht.
Vincenzo ist neunundzwanzig Jahre alt, kommt aus Sizilien, hat aber normannische Wurzeln, wie er gern sagt, denn er ist blond und hat blaue Augen. Er wohnt seit fünf Jahren in Bozen und hat ständig die Arbeit gewechselt, bis er sich in den vom Gesundheitsbetrieb organisierten Kurs für Sozialbetreuer eingeschrieben und in einer Privatklinik Arbeit gefunden hat. Er hat einen Jahresvertrag mit einem Monatsgehalt von 1500 Euro. Lissy hat er in dem Kurs kennengelernt. Sie ist sechsundzwanzig Jahre alt, in Brixen geboren und wohnt in Bozen, seit sie neunzehn ist. Eigentlich heißt sie Elisabeth, doch alle haben sie stets Lissy genannt. Wer weiß, woher dieser deutsche Name kommt, hat sich Vincenzo das erste Mal gefragt, vielleicht aus den Straßen der Brixner Altstadt, wo man sich wie in Österreich vorkommt. Denn trotz des deutschen Namens ist sie Italienerin und Tochter von Italienern, die Mutter stammt aus Venetien, der Vater aus den Abruzzen.
Vincenzo hasst den Winter, die Kälte lähmt ihn, er weiß nie, was anziehen, und manchmal hat er auch keine Lust, aus dem Haus zu gehen. Da er sich aber immer die Wohnung mit jemandem geteilt hat, zeitweise auch das Zimmer, war Ausgehen oft ein unverzichtbarer Fluchtweg. Sein Horizont war das Meer, ein offener Horizont, der ihm die Lungen durchströmt. Der Schnee dagegen ängstigt ihn, dieses ganze Weiß erscheint ihm wie eine Drohung, ein Feind, der ihn einkreist und ihm den Atem nimmt. Er hat nichts gegen die Berge, doch sie sind ihm nie in Fleisch und Blut übergegangen, auch nicht, als er mit Zimmerkollegen zusammenwohnte, die ihn im Sommer zum Wandern in den Wäldern oberhalb von Bozen mitnahmen.
Lissy hält das Fahrrad an und wartet auf Vincenzo. Sie wirkt ungeduldig, braune Augen, schwarze, lange krause Haare. Sie wird sehr leicht nervös, das hat Vincenzo mittlerweile gelernt, und in der Tat weiß er nie, wie er sie nehmen soll. In der Schule geriet sie oft mit den Professoren aneinander, hat sie ihm erzäh