: Bernd Lüttgerding
: Gesang vor Türen
: duotincta
: 9783946086598
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 200
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Hoffnung und Angst. Auf kaum etwas reagieren wir misstrauischer als auf Veränderung. Dabei hat Stefan Schliefenbeck eigentlich nichts zu verlieren. Er müsste sie nur ansprechen, die hübsche Kassiererin im Bioladen. Wenn da nicht seine Hoffnungen und Ängste wären: Statt sich endlich ein Herz zu fassen, flüchtet er in schwindelerregende Vorstellungen davon, was passieren könnte, und verlegt so die Handlung immer wieder in sein Inneres. Ob Parabel auf die Freiheit oder Hommage an die Tücken des Alltags: 'Gesang vor Türen' ist eine Ein-Mann-Liebesgeschichte, die nie stattfindet - originell, vielschichtig, geradezu universell. Wie schon in seiner Lyrik erreicht Bernd Lüttgerding in seinem Debütroman das schier Unmögliche: eine Legierung aus Leichtigkeit und Tiefe.

Bernd Lüttgerding, geboren 1973 in Peine, ist Autor und kokettiert nebenbei auch mit bildender Kunst. Seit 2008 lebt er in Belgien. Er studierte Philosophie, Geschichte und Religionswissenschaft und finanzierte sich bis vor kurzem mit der Arbeit als Gärtner, Assistent von Antiquaren und Künstlern sowie als Techniker in einem Museum. Zwei Gedichtbände, 'Stäubungen' und 'Der rote Fuchs', bei parasitenpresse; Gedichte, Erzählungen und Essays in Zeitschriften und Anthologien. Seit 2019 lebt er in der Künstlerresidenz studiogarden-Verrewinkel (Brüssel).

I.




Etwas nahte wie Unheil, als gewöhnlicher blinder Fleck.

An der rissigen, im Innern finsteren Wolkenlandschaft, die hinter den Dächern aufschwoll, zwängte sich ein Lichtfeld vorbei und strich über den Bahnhofsvorplatz. Der Zopf einer Frau erglänzte, als sie einen Buckel machte, den linken Fuß hob und in ein Taxi stieg.

Noch eben hatte es ein paar Tropfen geregnet. Vor dem Eiscremestand war keine Warteschlange. Im Halbschatten neben den drei Eingängen des Hauptbahnhofs, vor denen Mitglieder einer Reisegruppe die Gänsehaut auf ihren Oberarmen verglichen, löste sich etwas, eine unheilvoll nahende Bewegung, überspielt von den ein und aus strebenden Schemen, Rucksäcken, Koffern und dem flatternden Hemd von jemandem, der auf den Bahnhofseingang zusprintete, aufrecht, ausgreifend, wie ein rennender Vogel Strauß.

Zwischen den Betonsteinplatten zerfloss eine aus der Waffel gefallene Eiskugel und machte als Kontrastmittel das Fugenraster augenfällig, über das die Sonnenstrahlen vom Horizont des weiterschwebenden Wolkenlandes gelenkt wurden. Ein sommersprossiger Soldat zupfte an seinem Nasenflügel, ein Nadelstreifenanzug mit Aktenköfferchen wollte dem Gedränge zuvorkommen, das am Nachmittag herrschen würde; der, an die Einfassungsmauer der U-Bahn-Rolltreppe hingelagerte Bettler richtete zwischen zusammengelegten Handflächen seine Irokesenfrisur, während sein Hund den Ausschreitungen zweier gestiefelter Mädchen nachsah, und was sich da hinten gelöst hatte, änderte in sanftem Bogen seinen Kurs; es nahte, unscharf und klanglos.

Durch die feuchte Luft unter den Platanen säuselte kokosimitierender Sonnenmilchgeruch, und ein Motorroller wurde angelassen, als das Etwas, die ausgeblendete Stelle, die näherkommend zu einem dunkelblauen Blouson auf dünnen Beinen unter roter Schirmmütze wurde, mit den Armen ruderte und mit einer mageren, ans Rufen nicht gewöhnten Stimme »Hey! – Stefan! – Hallo! – Hallo Stefan! – Na, sag mal, du siehst ja wohl auch keinen!« rief.

Stefan lächelte erschrocken und tat so, als würde er Carsten Löhr erst nach nochmaligem Hinsehen erkennen, denn einerseits war Carsten eine erfolgsverwöhnte Nervensäge und gar kein richtiger Freund, andererseits könnte es vielleicht angesichts des angespannten Magenkribbelns guttun, ein bisschen mit irgendwem zu sprechen.

»Ach, hallo, Carsten! Wir haben uns ja lange nicht gesehen. Ich dachte, du wohnst jetzt in London.«

Zur Begrüßung bekam er nur Carstens Zeige- und Mittelfinger hingestreckt, die seine Hand mit nichts als einem weichlichen Gefühl von Unvollständigkeit erfüllten. Carsten Löhr – meine Güte. Wie lang ist es her, seit mir die letzte Begegnung mit ihm zu vermeiden misslang? – nölte mit seiner hellen, ein bisschen krächzenden Stimme:

»Ja, nö, London hat sich erstmal erledigt, irgendwie. Ich hab da ja noch angefangen amLCC Film zu studieren, aber das …«, er blies die linke Backe auf, flatulierte seitlich zwischen den Lippen hervor und winkte ab, »das war nichts. – Was?Äl, si-si? Na,London College of Communication. Ich bin da aber echt mehr der Theoretiker, hab ich festgestellt. Realisieren ist immer schwierig, man ist abhängig von tausend Leuten«, er rollte mit den Augen, hin über die tausend Leute auf dem B