Man kann jede Krise als eine Art Expedition, eine Abenteuerreise verstehen, die in vier Phasen verläuft. Dabei ist die dritte Phase die eigentliche »Krise«, in der alles zusammenbricht. Von dieser Phasen-Logik erzählen Astronauten, die ein Jahr lang im Orbit zubrachten. Arktis-Forscher, die Monate im Dunklen auf Stationen im ewigen Eis aushalten, wenn der Wind heult. Oder U-Boot-Fahrer, die monatelang auf Tauchfahrt sind.3 Der Polarforscher Shackleton, der auf seiner Antarktis-Expedition 635 Tage im Eis gefangen war, berichtete vom dunklen Zorn, der nach einem Jahr im Eismeer seine Mannschaft überfiel. Es häuften sich Streitigkeiten, Trunkenheit, Unfälle, Verluste von Armen, Beinen, Vorräten und Menschenleben. Die Disziplin versank in einem Sumpf aus Selbstmitleid und Bereitschaft zur Meuterei.
Die vier Phasen einer Krise sind:
Eine Katharsis (altgriechisch κάθαρσις »Reinigung«) ist jener Zustand, in dem sich innere Konflikte und Emotionen in einen Ausbruchszustand hineinsteigern. Es kommt zu Gefühlseruptionen, die im günstigsten Falle zu einer inneren Wendung, einer Bereinigung und Akzeptanz führen. Im negativen Fall kommt es zu einer Abwärtsspirale, einer Dekonstruktion mit anschließender Depression.
Der Dritte-Phase-Effekt hat etwas mit unserem Dopamin-System zu tun, mit jenem körpereigenen Hormon, das uns zu ungewöhnlichen Leistungen antreibt. An der Startrampe zum Raumschiff, beim Auslaufen des Schiffes aus dem Hafen, mobilisieren wir zunächst alle Energien. Wir sind euphorisiert, voller Adrenalin und Kampfbereitschaft angesichts einer Gefahr, die wir meistern wollen. So war es in der ersten Corona-Welle im Frühling 2020. In der zweiten Phase bilden sich Routinen der Gewöhnung aus – hier wirkt das Oxytocin, jenes Hormon, das uns in einen Zustand gemeinsamer Verbundenheit und Entspannung versetzt. Wie im Sommer 2020, als alles schon vorbei zu sein schien in Sachen Corona.
Doch wenn unsere Expedition länger dauert, geraten wir in eine Energiekrise. Pünktlich zum Jahreswechsel 2021, bei wieder steigenden Infektionszahlen, kippte die öffentliche Stimmung in den Modus des marodierenden Zorns. Das mediale System ging wieder in den Zustand des Competitive Complaining – jenes Beklagungs- und Bezichtigungs-Wettbewerbs über, in dem nur noch das Negative zählt, das man sich gegenseitig um die Ohren haut.