: Ines Thorn
: Die Buchhändlerin: Die Macht der Worte
: Rowohlt Verlag Gmbh
: 9783644012141
: Historischer Frankfurt-Roman
: 1
: CHF 10.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 352
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Frankfurt, 1950. Christa hat ihre große Liebe, den Lyriker Jago, wiedergefunden. Doch die Vergangenheit wirft allzu schwarze Schatten auf das junge Glück. Auch sonst merkt Christa überall, wie schwer es ist, ihrem Herzen zu folgen: beim Schreiben ihrer Doktorarbeit und bei ihrem Wunsch, als Buchhändlerin den Menschen Freude durch Literatur zu schenken, ihren Horizont zu erweitern - und ihnen den Staub aus den Köpfen zu fegen. Alle sehnen sich nach einer heilen Welt, im Leben und in Büchern. Doch damit Christas Welt - und auch ihr Herz - wieder heil werden kann, braucht sie allen Mut, den sie aufbringen kann.

Ines Thorn wurde 1964 in Leipzig geboren. Nach einer Lehre als Buchhändlerin studierte sie Germanistik, Slawistik und Kulturphilosophie. Sie lebt und arbeitet in Nordhessen und schreibt seit Langem erfolgreich historische Romane.

Teil 11951–1954


Kapitel 1


Christa hielt den Brief in der Hand und kämpfte mit den Tränen. Sie riss am obersten Knopf ihrer Bluse, um mehr Luft zu bekommen. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie sollte sich für Heinz freuen, stattdessen geriet sie in Panik. Sie griff zum Telefonhörer und rief Werner an, ihren Ehemann, der die Hälfte der Zeit mit Christas Onkel Martin in einer homosexuellen Beziehung in der Schweiz, in Basel, lebte. Ein Arrangement, mit dem alle drei zufrieden, wenn auch nicht glücklich waren. Sie hatten diese Lebensform so vereinbart, um Martin, der so hatte leiden müssen, endlich glücklich zu sehen.

«Musikhaus Hanf.»

«Martin? Bist du das?»

«Ja, ich bin’s. Hallo, Christa. Ist was passiert?»

«Ihr müsst kommen. Sofort. Ihr müsst beide nach Frankfurt kommen.»

«Mein Gott, du klingst fürchterlich aufgeregt. Was ist denn los?»

«Heinz. Das Rote Kreuz hat uns einen Brief geschickt. Sie haben seinen Vater gefunden. Er will morgen nach Frankfurt kommen und seinen Sohn abholen. Morgen! Was sollen wir nur tun?»

«Was? Wie bitte? Aber Heinz gehört zu uns», stammelte Martin.

«Kommt her. Alle beide. Vielleicht finden wir eine Lösung.»

Sie hörte noch, wie Martin nach Werner rief, dann klickte es in der Leitung. Das Gespräch war beendet.

Christa legte den Hörer auf und ging zurück in die Küche, in der ihre Mutter Helene saß und heulte. «Er kann ihn uns nicht wegnehmen. Er ist ein Teil unserer Familie.»

Christa seufzte und schluckte ihre eigenen Tränen herunter. «Doch, er kann. Es ist sein Sohn. Wir hätten damit rechnen müssen, wir haben kein Anrecht auf ihn.» Aber ich habe nicht damit gerechnet, dachte sie leise. Nie ist mir der Gedanke gekommen, Heinz könnte zu seinen Verwandten gehen, obwohl er sich ihnen vielleicht näher fühlt als uns. Ja, ich habe mir Heinz immer allein gedacht und uns als seine Nächsten. Wie egoistisch das doch war.

«Aberwir haben ihn gefunden, als er mutterseelenallein durch Frankfurt streifte.Wir haben ihn aufgenommen, verpflegt, gekleidet.Wir haben ihn zur Schule geschickt und die Hausaufgaben kontrolliert.Wir haben ihm das