Stillere Kinder in unserer heutigen Gesellschaft
Es war der erste Sommer, in dem die ganze Welt wegen eines Virus Kopf stand. Es war der Sommer, in dem wir merkten, wie unsicher unsere Welt war. Und es war der Sommer, in dem ich den Vertrag zu einem Buch über introvertierte Kinder unterschrieb.
Ich lag mit einer Freundin auf dem Bett, unsere Kinder konnten wir vom Schlafzimmer aus beobachten. Sie sind exakt gleich alt, genauso alt wie unsere Freundschaft. Sie spielten zusammen im Planschbecken, das wir auf dem Balkon aufgestellt hatten. Es waren die heißesten Tage dieses seltsamen Sommers.
Die Freundin und ich hatten uns im Geburtsvorbereitungskurs kennengelernt, eine große Runde aufgeschlossener Großstadtpaare, die ihr erstes Kind erwarteten. Alle nett, alle freundlich. Aber die Frau neben mir war die einzige, die nicht schon in der Vorstellungsrunde ihre Welt zuckerwattegleich beschrieben hatte. Die auch mal alleine zum Kurs kam, weil sie sich mit dem werdenden Vater gestritten hatte, und das offen erzählte. Ich lächelte still und wissend in mich hinein. Die anderen Mütter fassten sich beklommen an die Herzen über ihren riesigen Bäuchen.
Diese Frau ist meine Freundin geworden, weil sie anders ist, ehrlich und direkt. Aber auch, weil sie zuhören kann und ziemlich genau überlegt, bevor sie etwas sagt. Sie besitzt viele Eigenschaften, die Introvertierte zu schätzen wissen.
Und so lagen wir nun also an diesem Sommertag zusammen auf dem Bett, und ich erzählte von meinem Buchvertrag. Von dem Thema, das ich so viele Jahre mit mir herumgetragen hatte und das ich nun endlich in geordnete Kapitel gießen konnte. Ich erklärte ihr, wie das ungefähr funktionierte mit den Introvertierten. Vor allem erzählte ich von diesem schrecklichen Gefühl, das so viele Introvertierte aus ihrer Kindheit mit ins Erwachsenenalter genommen haben: dass sie so, wie sie sind, nicht richtig, nicht gut genug sind. Dass es sich dann wie eine Erlösung anfühlt, wenn sie begreifen, dass sie nicht falsch sind – und nicht allein.
Meine Freundin hörte aufmerksam zu, so, wie sie es immer tut, und sagte dann etwas für mich sehr Überraschendes. Sie sagte, dass diese Beschreibungen sie an ein Gefühl erinnerten, das sie ihr ganzes Leben lang schon habe. Nicht, weil sie introvertiert ist. Sondern weil sie Schwarz ist. Dass sie das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören, sich immer ein bisschen ausgegrenzt zu fühlen, gut kenne. Aber dass sie nie richtig hatte fassen und beschreiben können, was das Problem war. Erst nach der Rassismusdebatte dieses Sommers habe sie gelernt: Dieses Gefühl, nicht gut genug, nicht gleich genug zu sein, anders zu sein, war ihr auf subtile Weise von klein auf gezeigt worden. Sie war niemals offen ausgegrenzt worden, niemand hatte sie beschimpft oder beleidigt. Aber im Kindergarten hatten die Kinder beim Malen von Gesichtern immer nach «Hautfarbe» gefragt – und