: Christine Grän
: Anna Marx und der sanfte Tod Kriminalroman
: ars vivendi
: 9783747202876
: 1
: CHF 8.90
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 250
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Zu ihrem 64. Geburtstag hat Anna Marx nur zwei Flaschen Rotwein eingeladen. Es gibt keinen Grund zum Feiern: Ihre beste Freundin ist tot, die Detektei läuft nicht, sie selbst ist so gut wie pleite, und obendrein wurde ihr die Wohnung gekündigt. Dann meldet sich eine Stimme aus der Vergangenheit: ihre Ex-Kollegin Gaby Lehmann bittet Anna, den plötzlichen Tod ihrer Mutter in einem Bonner Seniorenheim aufzuklären. Mitten im Karneval zieht Anna in die Villa ihrer früheren Kollegin und schleust sich schließlich in das Seniorenheim ein. Bald stößt sie auf ein dunkles Familiengeheimnis - und auf weitere mysteriöse Todesfälle im Umfeld des Heims.

Christine Grän wurde in Graz geboren, lebte in Berlin, Bonn, Botswana und Hongkong und ist heute in München zu Hause. Mit ihrer Heldin Anna Marx hat sie eine der ersten Detektivinnen der deutschen Krimiliteratur geschaffen, verfilmt wurde die Reihe als zwölfteilige Fernsehserie. Grän wurde mit dem Marlowe und dem Ernst-Hoferichter-Preis ausgezeichnet.

 

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Sie hat nur zwei Rotweinflaschen zu ihrem Geburtstag eingeladen.

Nie rückwärtsgehen. Wenn das eine Art Lebensmotto ist, haben ihm die Jahre zugesetzt. Die Taten und Untaten und Untätigkeiten. Anna Marx ist vierundsechzig Jahre alt. Wie in demBeatles-Song, den sie wieder und wieder spielt.When I’m Sixty-Four … unmelodisches Schniefen als Untermalung, aber da ist sie schon ganz schön betrunken.

Gibt es Schlimmeres, als einen vierundsechzigsten Geburtstag nur mit Alkohol zu verbringen? Gut, sie könnte tot sein, doch die Orgie des Selbstmitleids lässt weiterführende Gedanken nicht zu. Anna sitzt vor einer Flasche Rotwein, die leer ist, der Aschenbecher dagegen voll. Selber schuld, sie hätte Nachbarn einladen können und gute Bekannte. Paul, den Kleinspurcasanova, mit dem sie eine Weile Sex hatte. Inzwischen reden sie nur noch darüber. Weißt du noch?

Ja, Anna weiß noch, dass er sie mit Sybille betrogen hat, ihrer besten Freundin. Aber Sybille war so, die reizende Schlampe schlief mit jedem, den sie auch nur annähernd sympathisch fand – und Moral kam in diesem Kontext einfach nicht vor. Anna hat ihr tatsächlich schnell verziehen und lediglich Paul aus ihrem Intimleben verbannt. Der letzte Ritter, der sich auf Anna Marx gestürzt hatte wie in eine Schlacht, die er nur verlieren konnte. Seither ist er auf schlampige Weise gealtert, er lässt sich gehen.

Sybille ist tot. Brustkrebs. Eins, zwei, drei – jede vierte trifft’s. Sybille ging zu spät zum Arzt, brach die Chemo ab, trank und lachte und liebte, solange sie konnte … und starb an einem grauen Sonntag im Januar. Im Hospiz. Anna war kurz aus dem Zimmer gegangen, um eine Zigarette zu rauchen. Typisch Sybille, genau diesen Augenblick für ihren letzten Atemzug zu wählen, sie war ein Miststück bis zuletzt. Und Anna weint um sie an ihrem vierundsechzigsten Geburtstag, weil sie niemanden mehr hat, den sie lieben und hassen kann. Weil sie allein ist. Uralt. Und außerordentlich pleite.

Ihr Detektivbüro läuft schlecht, Ehefrauen lassen ihre Männer nicht mehr bespitzeln, sondern gehen gleich zum Anwalt. Eltern wollen ihre Kinder nicht mehr suchen, die sind halt dann weg. Keiner will mehr irgendwas genau wissen oder jemanden dafür bezahlen, dass er unangenehme Wahrheiten ans Licht bringt.

Auf der Lauer zu liegen, um herauszufinden, welcher Hund ständig vor das Tor einer Villa am Wannsee scheißt – das war wirklich der allerletzte Auftrag! Den Anna angenommen hat, um die Miete zu bezahlen. Und jetzt hat ihr die Firma, der das Haus gehört, in dem sie seit gefühlten Ewigkeiten wohnt, gekündigt. Der alte Kasten soll abgerissen werden, so wie die beiden Häuser daneben, um einem Einkaufszentrum Platz zu machen. Weil Berlin nichts so dringend braucht wie einen weiteren Konsumtempel.

Marx ist tot, und Anna ist mit dieser Stadt nie richtig warm geworden. Damals, als sie von Bonn nach Berlin zog, war da immerhin noch der Trost des billigen Wohnens und der schäbigen Trinkanstalten mit ihren schrägen Figuren. Das grandiose Gefühl eines Anfangs in einer alten, verkommenen Stadt, die sich bereit machte, jung