Kapitel1
Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich ein schönes Gesicht habe, es aber leider unter einer Fettschicht und hinter einem Doppelkinn versteckt sei. Diese Aussage war hart, aber leider auch wahr.
Wahr gewesen.
Denn ich hatte die Sommerferien ausnahmsweise mal sinnvoll genutzt.
Zwar hatte ich schon seit Monaten an meiner Figur gearbeitet, aber in den letzten Wochen hatte ich noch einmal einen Turbo eingelegt. Und so freute ich mich heute Morgen, in eine Skinny Jeans in Größe 36 zu passen. Wäre sie nicht so verdammt eng gewesen, hätte ich glatt Freudensprünge gemacht. Leider schränkte sie meine Bewegungsfreiheit jedoch so sehr ein, dass ein triumphierendes Lächeln reichen musste. Immerhin war dieses Lächeln das erste Mal seit Jahren wieder komplett drahtfrei. Selbst mein Lispeln war dadurch verschwunden. Meiner Zahnspange würde ich nicht eine Sekunde nachtrauern, doch auf der anderen Seite war ich ihr auch zu Dank verpflichtet. Denn von meinen kindlichen Hasenzähnen war nichts mehr übrig geblieben.
Es war ungewohnt, so eng anliegende Kleidung zu tragen, denn bis vor Kurzem glichen meine Klamotten eher dem Sortiment eines Zeltverkäufers. Immer wieder zupfte ich mein Shirt zurecht und fragte mich, ob ich nicht doch lieber etwas Lockeres wählen sollte. Ich hatte so unglaublich schnell abgenommen, dass mein Kopf noch gar nicht begriffen hatte, dass ich nun zu der glücklichen Gruppe der Normalgewichtigen gehörte. Innerlich war ich immer noch dick.
Doch nun stand ich auf dem Schulhof mit meinen langen kastanienbraunen Haaren, die bei meinem letzten Schulbesuch noch straßenköterblond und kraus wie Stahlwolle gewesen waren. Mum hatte mir als Belohnung für meine Körperreduzierung einen Friseurbesuch geschenkt und war dabei nicht geizig gewesen. Meine Haare fielen seidig über meine Schultern und glänzten wie bei den Models aus einer Shampoo-Werbung. Dafür hatte Mum zweihundert Euro hingeblättert. Doch erstaunlicherweise hatte sie dabei sogar ein Lächeln auf den Lippen gehabt. Schließlich war es immer der größte Traum meiner Mutter gewesen, eine schlanke und schöne Tochter zu haben.
Sie hatte mich sogar in eine Boutique gezerrt, in der mein Kleidungsstil komplett überarbeitet wurde. Lediglich meine geliebten Chucks durfte ich behalten. Das Damentrio aus dem Bekleidungsladen hatte aus mir ein kleines Hipster-Girl gemacht – aber eines mit Stil, wie ich mir einzureden versuchte. Meine Mama war sogar der festen Überzeugung, dass ich jetztsexy sei. Ich hatte da meine Zweifel. Ich hatte mich noch nie im Leben sexy gefühlt, und ich fürchtete, dass es erst einmal auch so bleiben würde. Ich konnte mit meiner eigenen Weiblichkeit nicht viel anfangen.
Die gesamten Sommerferien über hatte ich vor dem Tag Angst gehabt, an dem ich wieder in die Schule müsste, um mein neues Ich zu präsentieren. Nun war dieser Tag da. Ich sah zwar besser aus als zuvor, hatte aber auch neue Angriffsflächen für Mobbing-Attacken zu bieten. Nur weil ich dünn war und nicht mehr lispelte, war ich noch lange nicht vor Hänseleien geschützt. Mit einem mulmigen Gefühl in meinem flachen Bauch betrat ich die Schule. Sie war ein altes Gutshaus, das oft die Postkarten unserer Stadt zierte. Doch der schöne Schein trog, denn für mich war dieses Gebäude mit schrecklichen Erinnerungen verbunden.
Ich ging in den vierten Stock, in dem ich auf meinen Leistungskurs Bio treffen würde. Ich hatte es immer gehasst, dass unser Klassenraum ganz oben war. Jedes Mal war ich mit Schweißrändern unter den Armen und dem Hecheln eines Mopses dort angekommen und hatte mich zum Gespött des Kurses gemacht. Doch nun freute ich mich sogar über die Treppenstufen, denn sie hielten mich fit und verbrannten die hinterhältigen Kalorien, die sich in allem versteckten, was gut schmeckte. Ich war im stetigen Kampf gegen meinen Todfeind, den Jojo-Effekt. Nichts wäre schlimmer, als wieder die fette Paulina zu sein, die alle nurKlopskind nannten.
Die Tür stand offen. Vorsichtig lugte ich in die Löwenhöhle hinein. Jedoch nicht, ohne vorher noch einmal mein Shirt glatt zu streichen und sicherzugehen, dass da wirklich keine Speckröllchen mehr waren. Ich fuhr mir noch einmal durch die Haare und betrat mit falschem Selbstbewusstsein den Klassenraum. Eigentlich sollte ich stolz auf meine Leistung sein, doch irgendwie war es mir unangenehm. Ich wurde mit jedem Schritt unsicherer. Vielleicht war das auch total lächerlich, mich so umzustylen und zu glauben, dass ich jetzt ein anderer Mensch sein könnte. Vielleicht hätte ich mit dem Make-up doch nicht so übertreiben sollen. Wahrscheinlich sah ich aus wie ein Cl