Winnetou und Old Shatterhand Anthologie
von Steve Heller
1. Auflage, 2020
© Alle Rechte vorbehalten
Schreibstark-Verlag
Saalburgstr. 30
61267 Neu-Anspach
Erzähle nicht die Wahrheit,
solange dir etwas Interessanteres einfällt.
Karl May (1842 - 1912), dt. Jugendschriftsteller
( eine Geschichte von Lord Emery Arthur William Phillip Bothwell)
Wenn ich im Londoner Traveller Club weile, werde ich oft gebeten, zu berichten, wie ich Old Shatterhand das erste Mal traf. Während wir dann in der altehrwürdigen Bibliothek sitzen, zünde ich mir eine meiner Zigarren an und erzähle dann den anderen Lords, wie es sich damals zutrug:
Es war etwa drei Wochen nach meinem 18. Geburtstag, als mein Vater Lord George Bothwell, 5. Earl of Edwinstowe verstarb. Schon bald fing ich an, mich auf dem Landschloss und den dazu gehörigen Ländereien zu langweilen. Die Verwaltung von Pächtern, Schafen und die adeligen Gesellschaften lagen mir einfach nicht. Also rief ich unseren Familiennotar herbei und überschrieb meinem jüngeren Bruder Robert das Gut mit allen Rechten und Verpflichtungen. Mit einer ordentlichen Jahresrente und einigen Rücklagen war ich durchaus finanziell abgesichert. Einen gewissen Anteil am Ertrag ließ ich in den Vertrag mit meinem Bruder einfügen. Mich lockten Abenteuer und ferne Länder. In der großen Bibliothek las ich ein Buch nach dem anderen. Ich reiste literarisch mit dem Prinzen Maximilian zu Wied entlang des Missouri, handelte mit Marco Polo bei den Chinesen, vermass mit den Gebrüdern Schlaginweit das asiatische Hochland und sammelte mit Alexander von Humboldt seltene Tiere und Pflanzen für die Wissenschaft. Alles schrie nach Abenteuer, Exotik und Freiheit. Sollte ich nach Indien auf Tigerjagd gehen? Ich sah mich schon mit den Maharadschas von Eschnapur auf Elefantenrücken durch den Dschungel reiten. Der alte Globus in der Ecke kam mir gerade recht. Ich gab der Kugel einen Schwung. Eine Zeitlang wartete ich ab und schaute den Drehungen Runde und Runde zu. Dann stieß ich die Kugel ein weiteres Mal mit dem Zeigefinger an und sah, welchen Ort ich ausgesucht hatte. Meine Wahl war auf einen Punkt in New Mexiko in den Vereinigten Staaten von Amerika gefallen. Kein näherer Ort schien an dieser Stelle zu liegen, nur ein Fluss war dort vermerkt: Rio Pecos.
Drei Monate später ritt ich wohlgemut durch eine menschenleere Halbwüste. Ich trug einen weißen Leinenanzug, den ich mir in London hatte schneidern lassen. Auf dem Kopf schützte mich ein ebenso farbiger Tropenhelm vor der immerwährend scheinenden Sonne. Mein Pferd, ein knochiger ausdauernder Brauner, hatte ich in St. Louis erstanden. An meiner Hüfte hing ein Revolvergurt, im beidseitigen Holster je ein glänzender Colt und ein Bowiemesser in der Scheide. In der Gewehrtasche am knarrenden Sattel ruhte eine Rifle, die ich bei einem bärbeißigen Büchsenmacher namens Henry erstanden hatte. Ich schätzte, dass ich etwa die Hälfte meines Reiseweges in Richtung Rio Pecos hinter mir hatte. Es war später Nachmittag und ich suchte mit den Augen nach einem