Kapitel 1
Montag, 29. November, 18.52 Uhr
Der Reißverschluss meiner Winterjacke ließ sich nicht mehr schließen. Dem fahlen Schein der Taschenlampe folgend, lief ich einen Waldweg entlang. Es war nur ein schmaler Pfad. Bei jedem Schritt raschelte das letzte Laub unter meinen Stiefeln. Das Geräusch erinnerte mich entfernt an die Wellen des Meeres. Der Wind wehte, und die Temperatur war eisig. Fröstelnd zog ich die beiden Teile meiner Jacke zusammen und ballte die rechte Hand zu einer Faust. Mehr als vier Wochen war ich jetzt wieder in Deutschland. Dennoch beschlich mich hin und wieder das Gefühl, Great Blasket Island gar nicht wirklich entkommen zu sein.
Unzählige Momente hatte es seither gegeben, die meine Erinnerungen an jene verfluchte Insel und die dortigen Ereignisse geweckt hatten. Doch diesmal war es anders. Zum ersten Mal fühlte ich mich regelrecht dorthin zurückversetzt. Mutterseelenallein in der Dunkelheit. Zwar mit einem klaren Ziel vor Augen, aber ohne die geringste Ahnung, was mich dort erwartete.
Ich empfand eine unerträgliche Beklommenheit, wodurch Bilder in meinem Kopf erschienen, die ich lieber verdrängen und vergessen wollte. Eine verfallene Siedlung im Schein der Flammen. Das Klicken einer Waffe hinter meinem Rücken. Die entstellte Leiche auf dem Bett. Der Überlebenskampf in den Fluten des Atlantiks.
»Was zur Hölle machst du hier? Du kennst die Kleine doch nicht mal richtig!«
Meine innere Stimme hatte, wie üblich, recht. Hier herumzulaufen war total verrückt. Es hatte nichts mit meiner Arbeit zu tun.
Ich war bereits zu Hause gewesen, als mir die Erkenntnis gekommen war. Trotzdem hatte ich keine Sekunde gezögert. Ich war hierhergekommen und hatte den Wald betreten, um Stunden nach Dienstschluss eine Schülerin zu suchen, die ich tatsächlich kaum kannte. Dabei hatte die Dämmerung schon eingesetzt, als ich losfuhr. Nun war es stockdunkel.
Ich fror in der Eiseskälte und spürte die Finger meiner linken Hand nicht mehr, die den Schaft der Lampe umklammerten. Je tiefer ich in den Wald eindrang, desto weniger Laub lag auf dem Boden. Das einzige, was blieb, war das dumpfe Stampfen meiner Schritte auf dem weichen Waldboden. Die Stille um mich herum wirkte beängstigend. Nur ab und zu hörte ich ein leises Knacken in der Ferne. Jedes Mal schossen mir die wildesten Vorstellungen durch den Kopf. Ich malte mir aus, wie ich von Wölfen oder Bären angegriffen wurde. Doch meine Sorge um Nancy war stärker, also ging ich weiter. Wenn ich, ein erwachsener Mann, schon solch eine Angst hatte – wie mochte es erst einem jungen Mädchen gehen? Was musste sie in den letzten Tagen durchgemacht haben?
»Vorausgesetzt, sie ist überhaupt hier draußen«, meldete sich erneut meine innere Stimme zu Wort.
»Sie ist hier!«, versicherte ich mir selbst. »Daran besteht absolut kei