5.Der Sturm
Ich legte den Hörer auf und schaltete den Fernseher aus. Meine Kopfhaut knisterte wie der schwarz gewordene Bildschirm. Ich fühlte mich ruhelos wie der Wind, der draußen durch die Blätter der Bäume fegte. Meine Mutter im Fernsehen zu sehen, war mir vorgekommen wie ein Traum, in dem wir beide noch immer beisammen waren. Und ich wollte, dass dieser Traum andauerte. Ich fragte mich, wo das Interview herkam und ob es womöglich noch mehr Videomaterial gab. Außerdem wünschte ich mir, mich an jedes einzelne Wort von Mom erinnern zu können.
Mein Blick fiel auf ein Foto, das auf dem Bücherregal stand. Ich nahm es in die Hand und drückte es an mich. Vermutlich war es kurz vor der Sezierung eines toten Hais aufgenommen worden. Mom trug einen weißen Ganzkörperanzug, der sie aussehen ließ wie eine Malerin, und auf ihrem Kopf leuchtete eine Stirnlampe wie ein Stern. Sie kniete in der Dunkelheit neben einem riesigen Hai, den der Ozean an den Strand gespült hatte. Seine Zähne strahlten ebenso hell wie Moms Kopflampe.
Das Gesicht meiner Mutter war nur einen knappen Meter von den geöffneten Kiefern des Hais entfernt, doch sie wirkte so entspannt, als posierte sie für ein Familienfoto mit Dad und mir. Natürlich war mir klar, dass sie keine Angst zu haben brauchte, denn das Tier war tot und würde nicht plötzlich seinen Kopf heben, um sie in Stücke zu reißen. Mom war in Sicherheit und konnte in Ruhe wissenschaftliche Daten sammeln. Doch das Besondere an meiner Mutter war, dass sie auch in der Nähe eineslebendigen Hais gelassen geblieben wäre.
Als ich mir das Foto näher anschaute, bemerkte ich, dass in Moms Brusttasche etwas Glänzendes steckte. Vielleicht ein silberner Stift, der mithilfe eines Bügels festgeklemmt war. Ob es sich um einen Tintenroller oder Kugelschreiber handelte? Mit Tintenrollern ließ sich besser zeichnen, weil sie weicher waren. Wie sie den Stift wohl benutzt hatte, während ihre Hände in Fischgedärmen steckten? Hatte sie während der Sezierung etwas geschrieben oder gezeichnet? Sie war keine große Künstlerin gewesen. Ich hingegen schon.
Ich nahm den Telefonhörer wieder ab und wählte Freds Nummer.
»Fred«, begann ich, »lass uns am Naturführer arbeiten.«
»Okay.«
»Ich möchte den Hai zeichnen«, fügte ich hinzu.
»Am Kai?«
»Ja.«
»Wir treffen uns draußen«, sagte er.
Ich lief über den knarzenden Holzboden, um aus dem Fenster zu schauen. Im Licht der Straßenlaterne stellten sich die Blätter in Windrichtung auf, so als ob es bald anfangen würde zu regnen. Mr. Patterson saß noch immer auf seiner Terrasse und lauschte den beiden Radios.
In der Küche suchte ich die Anrichte nach meinem Schlüssel ab, dann stopfte ich ihn zusammen mit meinem Zeichenblock in den Rucksack, verließ das Haus und ging über die Straße.
»Irgendwas Neues über den Hai?«, rief ich Mr. Patterson zu.
»Die Polizei hat ein Auge auf ihn«, antwortete er.
»Warum denn?«, wollte ich wissen.
»Wer weiß. So ein schauriger Anblick bringt die Leute vielleicht auf dumme Gedanken.«
»Gibt es Neuigkeiten von Dad?«
Mr. Patterson schüttelte den Kopf und deutete auf eins der Radios. »Sie sind immer noch im Hafen.«
Schon sah