Im Reihenhaus der alten Muriel Sengenwalder war es brütend warm, Weihrauch und Tannenduft hingen drückend in der Luft, und die kleinen Lichter blinkten in bunten Farben auf der Fensterbank. Festliche Dekorationen vom Nussknacker über Räuchermännchen bis hin zum Engel an der Fensterscheibe verbreiteten Weihnachtsstimmung. Mal alt und abgenutzt, mal neu glänzend. Die Greisin, die hier wohnte, ließ sich das ganze Jahr über alles liefern. Wenn sie dann die Pakete annahm, redete und redete sie, vollkommen ignorierend, dass die Boten langsam rückwärtsgingen, weil sie es eilig hatten. Sie sprach über die teuren Dinge, die sie für ihre undankbare Familie bestellt habe, die sie mit Geldumschlägen dekorieren wolle, damit sich die bucklige Verwandtschaft bis März ab und an mal sehen ließe. Oder sie erzählte, wie sehr alle darauf hofften, sie würde endlich ins Altenheim direkt gegenüber ziehen. Oder wie wichtig es sei, Heiligabend in die Kirche zu gehen. Das sei der einzige Grund, einmal im Jahr das Haus zu verlassen.
Helge musste so viele Päckchen an ihre Tür schleppen und sich so viele Belanglosigkeiten anhören – es war das reinste Schmerzensgeld, das unter dem Tannenbaum auf ihn und seine Komplizin wartete.
»Hast du sie auch echt weggehen sehen?«, fragte Tina, die dicht hinter ihm durch den Flur schlich. Sie konnte Schlösser knacken, nur deswegen hatte er sie mitgenommen, aber ihre ständigen Fragen nervten.
»Ja, doch. Ich bin ihr sogar vom Radeland bis zum Radegang hinterhergelaufen. Die hockt die nächste Stunde in der Messe.« Bis zur St.-Paulus-Kirche war es kein weiter Weg, aber so langsam, wie die Alte ging, hatten sie mehr als genug Zeit, das Haus auf den Kopf zu stellen.
Tina ging an ihm vorbei ins Wohnzimmer und stieß einen leisen Pfiff aus. »Das nenne ich mal Weihnachten.«
In der Stube stand ein großer, geschmückter Baum, dessen grüne Zweige wie ein Dach über den Geschenken ausgebreitet waren. Alles war liebevoll eingepackt. Große und kleine Rechtecke, die darauf warteten, aufgerissen zu werden. Tina zog ihren schwarzen Pferdeschwanz fester und rieb sich die Hände, als wartete sie nur auf den Gong, um das Schlachtfest zu beginnen. Auf dem größten von allen Paketen stand ein kleiner Teller mit Vanillekipferln, die mit ihrem Aroma die Feststimmung komplettierten.
»So eine liebe Oma«, plauderte Tina, ging dichter an die Geschenke und stibitzte sich einen Keks. »Wie ist deine so?«
Kauend ging sie in die Hocke und schüttelte ein paar kleinere Päckchen an ihrem Ohr.
»Na, wie Omas so sind: alt, redet zu viel, dabei aber zu wenig Interessantes, und macht mir ständig ein schlechtes Gewissen, weil ich sie nie besuche.«
Tina streckte sich und fischte einen Umschlag unter dem gekräuselten Geschenkband eines anderen Paketes heraus. »Wohnt die auch hier in Buchholz?«
Helge kniete sich auf die andere Seite und zupfte ebenfalls die Umschläge ab. »Nee, in Jesteburg im Stubbenhof. Ist ganz nett da. Sind so kleine Fachwerkhäuser direkt an der Seeve.«
»Also besuchst du sie doch?« Tina grinste ihn über die Geschenke hinweg an.
»Ich hab beim Einzug geholfen. Ist schon etwas her. So drei Jahre.« Er öffnete den Umschlag und fand zweihundert Euro darin. »Wow, wenn die Alte bei allen so viel reingelegt hat, können wir die Pakete stehen lassen. Es wird eh schwierig, die unauffällig rauszuschaffen.«
Tina begann ebenfalls, die Umschläge zu öffnen. »Wäre schade, ich würde dich zu gern im Weihnachtsmannkostüm sehen. Dafür haben wir es doch extra mitgeschleppt.« Kichernd zog sie die Nase kraus. »Dicker Mann mit prallem Sack. Ich steh auf das Fest der Liebe.«
Helge verdrehte die Augen. »Für dieses Niveau haben wir noch nicht genug getrunken.«
»Das können wir nachher ja ändern. Hab mich schon gefragt, ob du mich endlich nach einem Date fragst. Vielleicht eines, bei dem ich keine Schlösser knacken soll?«
Ihrem Augenaufschlag nach liefe mehr an diesem Abend, wenn er es wollte. Das Problem war, dass sie nicht seinem Typ entsprach. Das Kumpelhafte war eine gute Basis für gemeinsame Drinks in Kneipen und den Einbruch bei dieser alten Schachtel, aber nichts, was ihn anmachte. Seit sie vor drei Wochen das erste Mal in den Heidekrug gekommen war, signalisierte sie ihm ihr Interesse. Im Brausebrand hatte sie ihm seine kriminelle Vergangenheit entlockt und immer wieder davon angefangen, dass sie mitmachen wolle.
Ein Geräusch im Flur ließ die beiden jäh herumfahren. Es war ein Schleifen und dann ein Tock. Sie sahen einander erschrocken an. Weder war die Tür zu hören gewesen, noch sollte jemand hier bei Frau Sengenwalder wohnen. Helge legte einen Finger an die Lippen und stand langsam auf. Wieder war ein Schleifen zu hören, dann ein Tock – und es kam näher.
Gerade als er zur Tür schleichen wollte, trat eine alte, gebeugte Frau ins Sichtfeld, stützte sich so schwer auf den Gehstock, dass ihr Blick auf ihre Füße gerichtet war. »Oh, der Besuch ist schon da«, stellte sie