: Ildefonso Falcones
: Die Tränen der Welt Historischer Roman
: C. Bertelsmann
: 9783641266363
: 1
: CHF 8.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 704
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein neues Zeitalter - eine Welt voller Möglichkeiten
Barcelona, 1901. Während soziale Unruhen die Stadt in Aufruhr versetzen, führt der ehrgeizige Maler Dalmau Sala ein Leben zwischen zwei Welten. Tagsüber gestaltet er Kacheln in einer Keramikfabrik und versucht in den elitären Kreisen seines Arbeitgebers seine Kunst zu verkaufen. Nach Feierabend kämpft Dalmau gemeinsam mit Emma, seiner großen Liebe, für die Rechte der Arbeiterklasse. Doch als ein tragisches Unglück geschieht, zerbricht ihre Beziehung. Jeder seiner Versuche, sie zurückzugewinnen, scheitert - bis Emma festgenommen wird. Als die Protestaktionen der Republikaner immer stärker ausarten, muss Dalmau um ihrer beider Leben fürchten und sich entscheiden: Wählt er die Flucht ins Ungewisse oder den Kampf für seine Ideale und für die Liebe?

Meisterhaft, packend und unterhaltsam porträtiert der Autor des Weltbestsellers 'Die Kathedrale des Meeres' die aufstrebende Metropole Barcelona zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Ildefonso Falcones de Sierra, verheiratet und Vater von vier Kindern, arbeitet als Anwalt in Barcelona. Sein Debütroman 'Die Kathedrale des Meeres' war ein überwältigender internationaler Erfolg. Mit weltweit mehr als fünf Millionen verkauften Büchern hat sich Falcones als der bestverkaufte spanische Autor historischer Romane verewigt.

2

Dalmau blieb auf der engen, dunklen Treppe vor der Wohnung seiner Mutter stehen. Er spitzte die Ohren und lauschte ungläubig dem Geräusch, das zu ihm drang. Kein Zweifel: Es war das Surren der Nähmaschine. Dabei war Mitternacht lange vorbei, und zu dieser Stunde waren seine Mutter und Montserrat normalerweise schon im Bett. Seine Schwester musste früh aufstehen, um in die Fabrik zu gehen.

Nachdem er und Emma noch einmal miteinander geschlafen hatten, waren sie zum Paralelo gegangen, um ihren Hunger an einem der Straßenstände zu stillen und danach einen Kaffee zu trinken und dem fröhlichen Treiben zuzusehen. Denn während die Reichen und Bürger den Paseo de Gràcia dazu nutzten, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen und zu protzen, trafen sich die Arbeiter, Bohemiens, Immigranten und Leute ohne Arbeit – oder mit einer wenig empfehlenswerten – auf dem Paralelo, einer sehr breiten Straße, die eigentlich Marqués del Duero hieß, den linken Teil des Eixample abschloss und am einen Ende in den Hafen mündete. In einem Durcheinander, das bis in die Fahrbahn hineinragte, drängten sich hier neben Werkstätten, Fabriken und Lagern Holzbaracken mit einem bunten Warensortiment, Karussells und andere Fahrgeschäfte, ein Zirkus, Terrassencafés, Gaststätten, Bordelle, Tanzsalons und mehrere Theater. All das im angenehmen, warmen, fast gemütlichen Schein der Gaslaternen im Gegensatz zum grellen und blendenden Glanz der elektrischen Beleuchtung in einigen Straßen der Stadt.

Emma und Dalmau hatten sich gut gesättigt auf eine der Terrassen gesetzt und über den Tisch hinweg Händchen gehalten, geplaudert und sich tausendmal angelächelt, vor allem aber hatten sie das Stimmengewirr der Menschen genossen.

Dieser Lärm lag nun hinter ihm, als er mit einem Satz die letzten zwei Stufen bis zum Treppenabsatz nahm und in die Wohnung seiner Mutter stürzte. Er fand sie in ihrem Zimmer im Schein einer fast heruntergebrannten Kerze bei der Näharbeit. Josefa blickte nicht zu ihrem Sohn auf, um ihre geröteten Augen zu verbergen, die er dennoch bemerkte.

»Mutter, was ist passiert?« Er kniete sich neben sie und zwang sie, den Fuß anzuhalten, der zwanghaft das verfluchte schmiedeeiserne Pedal der Nähmaschine herunterdrückte. »Warum sind Sie so spät noch auf?«

»Sie ist verhaftet worden«, fiel Josefa ihm mit zittriger Stimme ins Wort.

»Was?«

»Montserrat ist verhaftet worden.«

Josefa wollte ihre Arbeit wieder aufnehmen, doch Dalmau hielt sie davon ab, diesmal mit einer Grobheit, die er sofort bereute.

»So hören Sie doch mit dem Nähen auf!«, schrie er. »Nein. Entschuldigen Sie.« Immer noch kniend, strich er über das strohige Haar seiner Mutter. »Entschuldigen Sie«, wiederholte er. »Sind Sie sicher? Woher wissen Sie das? Wer hat es Ihnen gesagt?«

»Eine Kameradin aus der Fabrik, María del Mar. Kennst du sie?«Dalmau nickte. Er war ihr einmal zusammen mit anderen Freundinnen seiner Schwester begegnet. »Sie ist gekommen und …«

Josefa konnte nicht weitersprechen, ein Hustenanfall hindertes