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Dalmau blieb auf der engen, dunklen Treppe vor der Wohnung seiner Mutter stehen. Er spitzte die Ohren und lauschte ungläubig dem Geräusch, das zu ihm drang. Kein Zweifel: Es war das Surren der Nähmaschine. Dabei war Mitternacht lange vorbei, und zu dieser Stunde waren seine Mutter und Montserrat normalerweise schon im Bett. Seine Schwester musste früh aufstehen, um in die Fabrik zu gehen.
Nachdem er und Emma noch einmal miteinander geschlafen hatten, waren sie zum Paralelo gegangen, um ihren Hunger an einem der Straßenstände zu stillen und danach einen Kaffee zu trinken und dem fröhlichen Treiben zuzusehen. Denn während die Reichen und Bürger den Paseo de Gràcia dazu nutzten, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen und zu protzen, trafen sich die Arbeiter, Bohemiens, Immigranten und Leute ohne Arbeit – oder mit einer wenig empfehlenswerten – auf dem Paralelo, einer sehr breiten Straße, die eigentlich Marqués del Duero hieß, den linken Teil des Eixample abschloss und am einen Ende in den Hafen mündete. In einem Durcheinander, das bis in die Fahrbahn hineinragte, drängten sich hier neben Werkstätten, Fabriken und Lagern Holzbaracken mit einem bunten Warensortiment, Karussells und andere Fahrgeschäfte, ein Zirkus, Terrassencafés, Gaststätten, Bordelle, Tanzsalons und mehrere Theater. All das im angenehmen, warmen, fast gemütlichen Schein der Gaslaternen im Gegensatz zum grellen und blendenden Glanz der elektrischen Beleuchtung in einigen Straßen der Stadt.
Emma und Dalmau hatten sich gut gesättigt auf eine der Terrassen gesetzt und über den Tisch hinweg Händchen gehalten, geplaudert und sich tausendmal angelächelt, vor allem aber hatten sie das Stimmengewirr der Menschen genossen.
Dieser Lärm lag nun hinter ihm, als er mit einem Satz die letzten zwei Stufen bis zum Treppenabsatz nahm und in die Wohnung seiner Mutter stürzte. Er fand sie in ihrem Zimmer im Schein einer fast heruntergebrannten Kerze bei der Näharbeit. Josefa blickte nicht zu ihrem Sohn auf, um ihre geröteten Augen zu verbergen, die er dennoch bemerkte.
»Mutter, was ist passiert?« Er kniete sich neben sie und zwang sie, den Fuß anzuhalten, der zwanghaft das verfluchte schmiedeeiserne Pedal der Nähmaschine herunterdrückte. »Warum sind Sie so spät noch auf?«
»Sie ist verhaftet worden«, fiel Josefa ihm mit zittriger Stimme ins Wort.
»Was?«
»Montserrat ist verhaftet worden.«
Josefa wollte ihre Arbeit wieder aufnehmen, doch Dalmau hielt sie davon ab, diesmal mit einer Grobheit, die er sofort bereute.
»So hören Sie doch mit dem Nähen auf!«, schrie er. »Nein. Entschuldigen Sie.« Immer noch kniend, strich er über das strohige Haar seiner Mutter. »Entschuldigen Sie«, wiederholte er. »Sind Sie sicher? Woher wissen Sie das? Wer hat es Ihnen gesagt?«
»Eine Kameradin aus der Fabrik, María del Mar. Kennst du sie?«Dalmau nickte. Er war ihr einmal zusammen mit anderen Freundinnen seiner Schwester begegnet. »Sie ist gekommen und …«
Josefa konnte nicht weitersprechen, ein Hustenanfall hindertes