: Fabio Geda
: Im Winter Schnee, nachts Sterne. Geschichte einer Heimkehr Vom Autor des Bestsellers"Im Meer schwimmen Krokodile"
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641275495
: 1
: CHF 5.40
:
: Erzählende Literatur
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Offen, berührend, wahrhaftig: Wie es dem afghanischen Flüchtling Enaiatollah Akbari gelungen ist, in Europa eine neue Heimat zu finden

Als der Afghane Enaiatollah Akbari nach jahrelanger Flucht ganz allein Europa erreichte, war er fünfzehn Jahre alt. Aus eigener Kraft musste er sich eine neue Existenz aufbauen. Er lernte eine neue Sprache, machte seinen Schulabschluss, studierte Politikwissenschaft. Zusammen mit dem Schriftsteller Fabio Geda erzählt er jetzt, wie es ihm gelungen ist, in Europa eine neue Heimat zu finden. Und warum er dafür vorher zu seinen Wurzeln zurückkehren und seine afghanische Familie wiedersehen musste.

Geda und Akbari führen die Geschichte des weltweiten Bestsellers »Im Meer schwimmen Krokodile« eindrucksvoll fort– wahrhaftig, spannend und voller Charme.

Fabio Geda, 1972 in Turin geboren, arbeitete viele Jahre mit Jugendlichen und schrieb für Zeitungen. Bereits sein erster Roman »Emils wundersame Reise« war in Italien ein Überraschungserfolg; das Buch »Im Meer schwimmen Krokodile« brachte ihm auch international den Durchbruch, es verkaufte sich in 33 Länder und ist zu einem modernen Klassiker geworden.

0

Die Geschichte ist folgende (und einige dürften sie bereits kennen): Ich heiße Enaiatollah Akbari, aber alle nennen mich Enaiat. Ich kam in Afghanistan zur Welt, im Hazarajat, einer sehr unwegsamen, felsigen Bergregion westlich von Kabul, übersät von Weideflächen und mit dem klarsten Himmel, den man sich nur vorstellen kann. Im Winter Schnee, nachts Sterne – so unendlich viele, dass man sich regelrecht die Taschen damit füllen kann. Der Hazarajat ist die Heimat meines Volksstamms der Hazara, eine Region, die ungefähr halb so groß ist wie Italien, nur dass dort weniger als zehn Millionen Menschen leben.

Schaue ich in Turin, wo ich heute wohne, Richtung Alpen (vor allem gegen Ende des Winters, wenn es noch letzte Schneereste über den gefrorenen Wäldern gibt), spüre ich manchmal eine Art Sehnsucht, die mich im Nacken kitzelt. Dann bin ich auf einmal wieder bei den wärmenden, glimmenden Kohlen in unserem Haus in Nawa, beim Geschrei der Freunde, die sich draußen auf der Straße treffen, umBuzul-bazi zu spielen, eine Art Würfelspiel, bei den Düften der Speisen meiner Mutter und vor allem bei ihrer Stimme, die ruft: »Enaiat, EnaiatJan, ich brauche deine Hilfe, wir müssen Wasser holen. Enaiat, wo steckst du bloß?

Als ich zehn Jahre alt war, beschloss meine Mutter, dass ihr angesichts meiner schwierigen Lage nichts anderes übrig blieb, als mich nach Quetta in Pakistan zu bringen und dort zurückzulassen, damit ich mich den Scharen von Straßenkindern anschließe. Anfangs habe ich das nicht verstanden, später schon: Für sie war es besser, mich in Gefahr, aber eben auch unterwegs in eine andere Zukunft zu wissen, als mich bei sich zu behalten, im Klammergriff ständiger Angst. Lieber übergab sie mich einem lärmenden Haufen von Halbwaisen, die dank der Großzügigkeit einiger Bazarhändler überlebten, als mich in unserer Heimat einem reichen Geschäftsmann auszuliefern, einem Verbündeten der Taliban, um die angeblichen Schulden meines Vaters zu begleichen.

Ich weiß noch gut, wie alles anfing. So klein ich noch war, merkte ich doch, dass etwas nicht stimmte: Der Gestank der Angst hatte sich in unserem Haus breitgemacht wie der eines auf dem Feuer vergessenenKorma Palau. Eines Morgens hatte dieser Mann, der, wie gesagt, mit den Taliban gemeinsame Sache machte, auf meinen Vater gezeigt, ihn herbeigewinkt und ihm befohlen, mit einem Laster in den Iran zu fahren, um gewisse Waren zu besorgen, die er dann in seinen Läden verkaufen wollte: Decken, Stoffe und dünne Schaumgummimatratzen. Um ihn dazu zu zwingen, sagte er: »Wenn du nicht in den Iran fährst und Waren für uns einkaufst, bringen wir deine Familie um. Wenn du mit zu wenig oder beschädigter Ware zurückkommst, bringen wir deine Familie um. Wenn du dich übers Ohr hauen lässt, bringen wir deine Familie um.« Mit anderen Worten: Sobald etwas schiefgeht, bringen wir deine Familie um. Nicht gerade eine sympathische Art, Geschäfte zu machen, wie ich gar nicht oft genug betonen kann.

Als mein Vater Monate später einen Gebirgspass passierte, wurde er mit seinem Laster von Banditen überfallen. Die Nachricht von seinem Tod erreichte uns abends bei Einbruch der Dunkelheit, und trotz unserer Bemühungen, sie nicht hereinzulassen – nein, das stimmt nicht, das kann einfach nichtsein! –, gelangte sie irgendwann doch ins Haus, um zu bleiben und die Nacht bei uns zu verbringen. Am nächsten Morgen war sie immer noch da. Und nicht nur sie, sondern auch der reiche Geschäftsmann. Kaum hatte er von der Sache erfahren,